Gedanken zum Gespräch mit Marcel Markowicz, France Culture

Zum Glück sind kaum noch Stimmen zu hören, die fragen, ob Putin verrückt geworden sei. Diese Frage fand ich von Anfang an ein wenig befremdlich.  Nun bezieht sich ein guter Kenner der russischen Literatur, Marcel Markowicz, der z. B. zahlreiche Werke von Dostojevsky ins Französische übersetzt hat, auf bekannte Autoren, um uns die russische Seele zu erklären. Ich bin mit der russischen Literatur nicht so vertraut, dass ich seine Aussagen zu Gewalt und zu destruktiven Tendenzen bestätigen könnte. Ich habe vielmehr Werke in Erinnerung, die sich mit der politischen Repression und Verfolgung Andersdenkender durch das sowjetische/stalinistische Regime befassten, ich habe daher – logischerweise – die zerstörerischen, teilweise barbarischen Handlungen eher auf die ideologischen Denkmuster als auf eine typisch russische Eigenschaft zurückgeführt.

Marcel Markowicz spricht u.a. davon, dass einige russische Intellektuelle die These vertreten, die Ukraine sei russisches Territorium. Diejenigen, die sich dieser Tatsache widersetzten, seien Nazis und müssten vernichtet werden. 

Weiter heiβt es in den Ausführungen von Markowicz: In Russland gibt es eine starke Unterscheidung zwischen dem öffentlichen (und staatlichen) und dem Privatleben; zwischen ihnen gibt es kaum Berührungspunkte. Man denke an den fast magischen Stellenwert der Datscha. Das Privatleben ist in den letzten Jahren quasi verschwunden und alles wird den Zielen des autokratischen Regimes untergeordnet. Bei der militärischen Operation in der Ukraine (genauso wie vor einigen Jahren in Tschetschenien) geht es darum, das Volk der „Abtrünnigen“ zu bestrafen und jegliches eigenständiges Leben außerhalb des Reiches zu zerstören oder unmöglich zu machen. Dabei geht es nicht nur um das Bekenntnis, um die Anerkennung der Zugehörigkeit zum Imperium, es geht auch um die radikale Ablehnung des demokratischen Lebens nach westlichem Modell. Die westlichen Demokratien, in erster Linie die USA, aber auch Europa, werden systematisch als machtgierig verleumdet und als existenzielle Bedrohung für die russischen Einflusszonen aufgebauscht. Russland muss sich dringend gegen die „faschistische Bedrohung“, die der Westen verkörpert, (und das seit dem zweiten Weltkrieg) permanent wehren, nötigenfalls mit einem „Gegenangriff“. Gegenangriff, weil es doch angeblich nur darum geht, sich zu verteidigen….

Interessanterweise decken sich die Aussagen von Markowicz zur allgemeinen Einstellung/Stimmung in Russland mit den Informationen, die ich aus Artikeln (SZ, NDR, Zeit) und Podcasts bekommen habe. Es gibt z.B. einen Podcast von zwei jungen Leuten, einer Frau mit ukrainischen und einem Mann mit russischen Wurzeln, die beide flieβend russisch sprechen und  noch Kontakte in den jeweiligen Ländern haben. Ich habe auch ein längeres Interview mit Wladimir Kaminer („die Russendisko“) gehört, das meinen Eindruck bestätigt.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich viel zu wenig über die „Grundstimmung“ in der russischen Föderation dem Westen gegenüber gewusst habe. Auch dass der Begriff  „antifaschistischer Schutzwall“ suggeriert, dass die Sowjetunion Hitler allein besiegt und dass viele Russen es glauben, hätte ich nicht gedacht. Noch weniger, dass die westlichen Demokratien, wie alle Feinde des Regimes, als faschistisch bezeichnet werden.

Es geht in den Ausführungen von Markowicz weiter mit den katastrophalen wirtschaftlichen Folgen der Perestroika für die Mehrheit der Bevölkerung: Viele Menschen verarmen. Ich habe es zwar selbst in Bulgarien vor einigen Jahren beobachten können, aber Russland ist in der Tat weit entfernt und war weder dringendes Anliegen noch im Fokus unserer Hauptsorgen. Eigentlich logisch, dass die Menschen dem globalen, westlich dominierten Kapitalismus extrem kritisch gegenüber stehen. Das kennen wir schon von vielen Ländern in Afrika und Lateinamerika, verstärkt noch aus dem orientalischen Raum. Dass diese kritische Haltung sich schnell in Hass verwandeln kann, haben die unzähligen Anschläge extremistischer islamistischer Gruppen der letzten Jahrzehnte bewiesen. Aber dass dieser Hass so groß ist, um einen militärischen Angriff zu rechtfertigen, haben wir sträflich unterschätzt.

Bemerkenswert finde ich, dass Angela Merkel, die sich kürzlich zur allgemeinen Lage geäußert hat, mit ruhigem Gewissen behauptet, sie habe alles in ihrer Macht stehende versucht, aber es habe einfach nicht geklappt. So ist es manchmal in der Diplomatie. Ich will sie ja nicht verurteilen – darum geht es nicht. Ich staune aber darüber, wie wenig die mächtigste Frau der Welt zu bewirken vermochte. Sie ist nicht irgendwer, hatte oft Kontakt zu Putin und wusste offenbar sehr wohl um seine geopolitische Befindlichkeit, um nicht zu sagen seine Ambitionen. Sie hat sogar ein wenig damit geprahlt, dass sie sich keine Illusionen machte. Spätestens nach der Krim-Annexion 2014 hätte sie Europa und die westlichen Mächte warnen können. Zumindest muss ihr klar gewesen sein, dass Putin sich mit der Situation in der Ostukraine  nicht auf ewig arrangieren und früher oder später handeln würde, um eine ihm genehme Lösung herbeizuführen.

Es ist schon bitter, dass letztendlich die ökonomischen Interessen der Großindustrie bei ihr stets „das Rennen gemacht“  haben. Das billige Gas aus Russland und die Geschäfte mit China hat sie sogar bis zur letzten Minute entschieden vorangetrieben. Wir können froh sein, dass die Huawei-Lösung für G5 doch abgelehnt wurde. Europa, von China und Russland in die Zange genommen! Ein großer Sieg der autoritären Regime. Eine absurde Situation, die im Endeffekt von Profitinteressen verschuldet wäre.

Aber machen wir uns nichts vor: Putins Bereitschaft zur Zerstörung ganzer Landstriche ist beängstigend, keine Frage. Die Bereitschaft der westlichen Mächte, vor allem der reichen Staaten, dem „Wohlstand“ und dem Wachstum um jeden Preis die Natur und die Erde zu opfern ist genauso blind und zerstörerisch.

Ob der Planet nun von den bösen Imperialisten oder von den guten „Demokraten“ zunichte gemacht wird, ist der Natur vermutlich gleichgültig.