Kurz vor den Wahlen stehen die Prognosen stabil günstig für die AfD; in manchen Bundesländern wird sie die stärkste Kraft. Die Aufregung ist groß, die Ratlosigkeit auch. Was tun? Ignorieren? Eine Mauer bauen? Verbieten? Bei manchen Politikern habe ich das Gefühl, dass sie überhaupt erst jetzt entdecken, was die AfD vorhat und wie sie sich Deutschland unter AfD-Führung vorstellt. Dabei hat sie damit nicht hinter dem Berg gehalten. Man muss nicht einmal zu Wahlveranstaltungen gehen oder Talkshows schauen. Man braucht nur ihr Wahlprogramm zu lesen; es ist beispielsweise im Internet allen zugänglich.
Kontrovers wird in der Zeit diskutiert, wie wir mit der AfD umgehen sollen: Mark Schieritz ist der Meinung, dass wir nur zeigen brauchen, dass die geplanten Maßnahmen nicht finanzierbar und darum völlig abwegig sind. Manchmal überkommt mich das Gefühl, dass die intellektuellen Linksliberalen schlicht denkfaul sind. Oder ist es Überheblichkeit? Wir werden nicht darum herumkommen, uns mit den Wünschen (den Visionen) der AfD auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich früher, als uns lieb ist. Wie Robert Pausch (Kontrahent von Mark Schieritz) bin ich der Meinung, dass wir uns sehr genau die Pläne der AfD anschauen sollten und gleichzeitig fragen müssen, warum ihre Ziele so populär sind.
Warum werden zum Beispiel viele Führungspersonen der Wirtschaft und der Politik als Mitglieder einer Elite, parteiübergreifend, wahrgenommen, die mit den Problemen der „normalen Leute“ nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will?
Warum wird gerade jetzt eine idealisierte „schöne alte Welt“ versprochen, die Merkmale aufweist, die zur Vergangenheit gehören: auf die traditionelle Familie gegründet, männlich dominiert, national betont, mit eigener Währung, weit weg von Europa und von EU-Bestimmungen, von Migrantenströmen abgeschirmt. Als ob man die Uhren nur zurückdrehen müsste.
In Krisenzeiten wird gern auf gestrige Werte, auf Tradition als sicheren Hafen für die Zukunft, zurückgegriffen. Diverse Studien scheinen diesen Aspekt zu bestätigen. Die AfD beutet diese Tendenz schamlos aus.
Aber mal ehrlich: Ist es denn nicht eher so, dass die Schwäche bzw. das Fehlen eines linken,grün gefärbten, sozial orientierten und attraktiven Projekts für das Gemeinwohl aller die AfD so mächtig macht? Die Stärke der AfD ist der Beweis für unsere Schwäche. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wann haben wir das letzte Mal von linken Visionen, meinetwegen Utopien, gehört, von Weltvorstellungen, die richtig Lust wecken, sich dafür zu engagieren und ja, sich richtig für positive Ziele anzustrengen?
Wie sähe eine bessere (ideale) Welt aus? Wie gingen die Menschen aus aller Welt miteinander um? Welchen Stellenwert hätten die Natur, die Technologie, die Ökonomie, die Kommunikation, der Transport, die Technik?
Warum sind uns die Vorstellungen der AfD – in Bezug auf die Familie, die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern, die Nation, Europa, die Währung, die Tradition, die Ökonomie, den Umgang mit fremden Menschen und deren Kultur, die Integration, den Internationalismus etc. – unerwünscht? unerwünscht und warum lehnen wir sie ab? Welche Vorstellungen haben wir ihnen entgegenzusetzen?
So bescheiden und zugleich couragiert müsste eine wirklich progressive Kraft sein, darauf eine Antwort zu geben.