Leserbrief an das Team von „Alles gesagt“ (DIE ZEIT)
zunächst vielen Dank für die tolle Sendung und die lehrreichen Gespräche mit euren Gästen – interessant und zugleich unterhaltsam: eine meist sehr gelungene Mischung. Ich bin, wie auch Ali Neumann, mehrsprachig, allerdings nicht „von Geburt an“. Ich bin es einfach mit der Zeit geworden. Von den fünf Sprachen, mit denen ich mich beschäftigt habe, kann ich allerdings nur zwei fließend.
Mir begegnet immer wieder die fragwürdige These, dass in der Fremdsprache zu träumen ein Indiz dafür sei, dass man die Sprache – endlich – richtig beherrscht, verinnerlicht, gut gelernt hat. Ich habe mich oft gefragt, woher diese komische Idee stammt und warum sie so verbreitet ist. Ich kann die These jedenfalls nicht bestätigen.
Ich kam mit 25 Jahren nach Deutschland und konnte kein Wort Deutsch. Ich konnte es kaum ertragen und habe mich fast dafür geschämt, wenn ich mit anderen Menschen am Tisch saß, alle lachten und ich kein Wort verstand. Mein erster Traum „auf Deutsch“ kam sehr schnell, schon nach ein paar Wochen: Ich stand im Gemüseladen in der Nachbarschaft und habe in meinem damals noch gebrochenen Deutsch Obst und Gemüse eingekauft. Es war mühsam, aber erfolgreich. Doch ich war weit davon entfernt, Deutsch zu beherrschen.
Heute, mehr als 45 Jahre später, sieht die Sache anders aus. Dennoch spielt Sprache in meinen Träumen eher eine untergeordnete Rolle. Ich träume eher in Bildern. Wenn Sprache vorkommt, bestimmt meist die geografische Lage die Traumsprache: Spielt die Szene in Frankreich, in Deutschland, in Italien oder in Lateinamerika, so kommt die jeweilige Landessprache zum Ausdruck – und zwar genauso gut oder schlecht, wie ich sie sprechen kann. Französisch ist meine Muttersprache, aber ich träume nie über deutsche Vorkommnisse auf Französisch und umgekehrt. Warum auch? Warum sollte ich „mir“ eine deutsche Situation ins Französische übersetzen? Eine irrsinnige, völlig unnötige Mühe – oder?
Vielleicht könnt ihr euch der Sache annehmen. Ich würde gern mal die Meinung von Fachleuten (wenn es so etwas gibt) zu dem Thema hören.