DER TOD MEINES VATERS

Die Nachricht hat uns während der Sommerferien erreicht. Wir hatten ursprünglich vor, eine Woche in den Vogesen zu wandern, aber trotz langer Suche keine Unterkunft gefunden. Stattdessen sind wir in den Schwarzwald gefahren. In Baden-Württemberg waren zu der Zeit noch keine Sommerferien und wir haben eine schöne Wohnung in der Nähe der Wasserfälle von Triberg gefunden. Während einer kleinen Wanderung im schönen Wald ertönte plötzlich der Klingelton meines Handys, was sehr selten vorkommt. Meine Schwester Annie teilte mir mit, dass unser Vater in der Nacht vom Notarzt versorgt werden musste und dass es ihm sehr schlecht ginge. Die Nachricht kam nicht völlig überraschend; sein Gesundheitszustand hatte sich seit unserem Besuch im September des letzten Jahres stetig verschlechtert. Er hatte zum Beispiel nicht einmal registriert, dass er im Februar dieses Jahres seinen 101.sten Geburtstag feierte. Er lebte in einer eigenen Welt, die wenig Berührungspunkte mit der unsrigen hatte. Wer weiß schon, wie die Welt derjenigen, die weit weg sind, ohne uns wirklich zu verlassen, aussieht?

Vor meinem Vater hatte ich als Kind große Angst

In unserer Grundschule waren meine Eltern die einzigen Lehrer. Vor meinem Vater hatte ich als Kind große Angst. Der Grundschullehrer war eine unbestrittene Autorität im Dorf, außerdem herrschte mein Vater über ein großes Reich. Die Volksschule – l’ école publique – bestand aus zwei Klassen, in denen damals jeweils 45 SchülerInnen Unterricht erhielten. Es gab weder Kita noch Kindergarten, die Kinder wurden im Alter von fünf Jahren eingeschult. Die meisten blieben bis zum Hauptschulabschluss, einige, wie ich, verließen die Grundschule mit elf Jahren, um die weiter führende Schule zu besuchen. Nach dem Krieg fehlte es an Lehrern, die Schulen waren überlastet. Meine Eltern teilten sich die Jahrgänge, mein Vater unterrichtete die oberen, meine Mutter die unteren. 

Zum „Reich“ meines Vaters gehörten auch unser Wohnhaus, das zentraler Bestandteil der „école publique“ war, das Rathaus mit separatem Eingang auf der Rückseite für die Wohnung, die unsere Familie beherbergte. Das Gebäude wurde 1901 gebaut, es bestand aus einem großzügigen zweistöckigen Haus in der Mitte, das rechts und links von je einer Schulklasse flankiert war. Im ländlichen Frankreich gibt es in fast jedem Dorf ein solches Gebäude, das in Folge der „loi Jules Ferry“, das 1882 die kostenlose, laizistische Schulpflicht für Jungen und Mädchen  einführte, errichtet wurde. Im Erdgeschoss des Wohnhaus hatte mein Vater in der „alten“ Küche noch eine kleine Holzwerkstatt eingerichtet, mit lauten Maschinen, die Späne und  Sägemehl ausspuckten, und  in der nach und nach alles Mobiliar unseres Hauses entstand. Ich liebte den Holzgeruch und hielt mich gern in der Werkstatt auf.

Die Klassenräume lagen höher als der Schulhof, man erreichte sie durch eine zwölfstufige Treppe. Sie  waren geräumig, sehr hoch, mit großen Fenstern und einem rauen, dunklen Holzfußboden, der jeden Sommer mit einem stark riechenden Öl eingerieben wurde. Nach dem Unterricht wurden zu jeder Jahreszeit die hohen Fenster aufgerissen, vor dem Abendbrot wurden sie wieder geschlossen. Ich wurde schon in jungem Alter mit der Aufgabe betraut. Klassenzimmer haben einen besonderen Geruch, eine etwas strenge Mischung, die ich trotzdem gern mochte; anfangs musste ich auf einen Stuhl klettern, um die Fenstergriffe zu erreichen. Ich übernahm gern diesen kleinen Dienst, er gehörte eher zu den angenehmen Seiten meines Schüleralltags. Sonst war ich gern mit dem Fahrrad unterwegs, plauderte mit den Nachbarn, oder ich streifte durch den Wald, der an das  Dorf angrenzte.

Mein Vater z. B. unterstrich gerne seine Autorität durch eine Tracht Prügel

Aber es gab die Schule. Ich war ein guter Schüler, ich gehörte zu den Besten, aus meinem Jahrgang haben später nur zwei das Abi geschafft, mein Freund Gérard und ich. Meine Eltern gehörten zu der Kategorie der strengen Lehrer, insbesondere gegenüber den eigenen Kindern, genauer gesagt  den Söhnen. Mehr oder minder harte Schläge, die schon offiziell verboten waren, gehörten noch zu ihrem pädagogischen Repertoire. Mein Vater z. B. unterstrich gerne seine Autorität durch eine Tracht Prügel, die er mir in regelmäßigen Abständen verabreichte. Seitdem er deswegen Ärger mit Eltern bekommen hatte, beschränkte er sich darauf, die eigenen Kinder, zugegeben nur die Söhne, zu versohlen. Meine Schwester blieb davon verschont. 

Prügel kamen für mich meistens unerwartet, ich wusste nie genau, wann es mal wieder so weit sein würde, was mich in eine fast permanente Anspannung versetzte. Sie erreichte ihren Höhepunkt eines Tages mitten im Unterricht, ich muss zehn Jahre alt gewesen sein, als mein Vater mich zu seinem Schreibtisch kommandierte, um mir einen für mich ungewöhnlichen Rechtschreibfehler unter die Nase zu halten, den ich dummerweise in der Autokorrektur des Diktats (im Diktat war der Fehler nicht, daher kam meine Irritation) eingebaut hatte. Als ich mich über das Aufgabenheft beugte, um es zu betrachten, kamen plötzlich harte Schläge von hinten. Sie waren so heftig und so überraschend, dass ich in die Hosen pinkelte. Ich trug damals zu jeder Jahreszeit kurze Hosen, die gelbe Flüssigkeit rannte mir die nackten Beine herunter und bildete einen kleinen See auf dem Holzfußboden, für alle gut sichtbar. Was für eine Erniedrigung! Bei der folgenden Pause wagte ein einziger Mitschüler, mich anzusprechen, um mich zu trösten. Was für eine Einsamkeit in meiner Verzweiflung! In der Regel waren alle Schüler mir gegenüber sehr reserviert, sie hielten Abstand und gingen lieber in der Anonymität unter, verständlicherweise wollte niemand die zornige Aufmerksamkeit meines Vaters auf sich lenken. 

Meine Mutter, eigentlich eher eine sanfte Person, hatte nichts gegen diese Art der Bestrafung, im Gegenteil, sie animierte meinen Vater dazu und legte bei Bedarf selber Hand an. Allein meinem Bruder, der aber selten zuhause war (er ging mit elf Jahren ins Internat, als ich sieben war, und kam nur alle drei Wochen nach Hause), konnte ich meinen Schmerz und meine Sorgen anvertrauen.

Aber es gab auch gute Momente in der Schule

Seltsamerweise machten mir die Eltern mit den Hausaufgaben keinen Stress. Sie kontrollierten weder ob, noch wie ich sie gemacht hatte, was in Lehrerfamilien nicht unbedingt üblich ist. Wenn sie erledigt waren, hatte ich Freigang und konnte spielen oder mit dem Fahrrad losziehen. Ich fühlte mich trotzdem nicht wirklich sicher, immer noch überwacht, es war eher eine Freiheit auf Bewährung.

Aber es gab auch gute Momente in der Schule. Jedes Jahr organisierte mein Vater eine Klassenreise in die Umgebung.  Sie wurde sorgfältig vorbereitet. Arbeitsgruppen wurden gebildet, die je über ein Ziel (Botanischer Garten, Käserei, Cognac-Brennerei…) einen Bericht erstellen mussten: Notizen machen, Zeichnungen oder Illustrationen skizzieren. Das Endziel war, ein Reiseheft zu produzieren, das wir im Dorf verkauften, um ein wenig Geld für die Schulkasse zu sammeln. Es war ein langwieriger Prozess.  Während der darauf folgenden Wochen verbrachten wir jeden Nachmittag damit  Texte zu schreiben, gemeinsam zu korrigieren, Zeichnungen und Illustrationen, je nach Begabung, anzufertigen, was ich ziemlich aufregend fand. Wenn die Texte fertig waren, wurden sie Zeile für Zeile mit Bleibuchstaben spiegelverkehrt gesetzt und zu einer Druckform angelegt. Die Illustrationen und die Zeichnungen wurden auf Linoleum spiegelverkehrt graviert, eine alte Technik, die viel Geschick erforderte und nicht meine Stärke war. Schließlich kam der Höhepunkt: Das Reiseheft wurde Seite für Seite auf einer uralten, kleinen Handpresse gedruckt, die mein Vater irgendwoher gezaubert hatte. Es war eine langwierige, mühselige Arbeit, die gedruckten Einzelseiten mussten zusammengetragen und die Berichte geheftet werden. Aber wenn wir ein fertiges Heft in der Hand hielten, war die Freude groß und wir waren sehr stolz auf das Ergebnis. Ich liebte diese arbeitsintensiven Wochen, die mich für die kleinen und die großen Sorgen entschädigten.

 Es waren auch die letzten Wochen vor den großen Sommerferien, die mir immer große Freude bereiteten und eine ungewöhnliche Freiheit gewährten. Von den zehn Wochen Schulferien verbrachten wir immer fünf auf einem Campingplatz am Mittelmeer,  an der Côte d’Azur. Wir besuchten ausschließlich   einer Ferienorganisation, die nur Schulpersonal und Schulpädagogen aufnahm. Die Plätze waren fortschrittlich organisiert, selbst verwaltet, jeder war mal mit Putz- und Empfangsdienst dran, es herrschte eine freundliche, familiäre Atmosphäre. Das vertraute und beruhigende Umfeld verleitete meine Eltern dazu, ihre Aufsichtsregeln extrem zu lockern. Wir mussten zwar pünktlich zu den Mahlzeiten erscheinen und den Abwaschdienst zuverlässig erledigen, aber ansonsten genossen wir eine große Freiheit. Ich spielte leidenschaftlich Tischtennis, verbrachte viel Zeit an der Platte. Da wir zuhause eine Platte hatten, habe ich sehr früh angefangen; ich war sehr gut und machte mir einen großen Spaß daraus, die älteren Kinder und ihre Väter mit Leichtigkeit zu besiegen. 

Ich kam schon mit vierzehn in den Genuss großer Freizügigkeit.

Sonst wurde natürlich auch „Pétanque“ gespielt, was ich auch gern tat und leidlich konnte. Zweimal am Tag gingen wir zum Strand, oft gingen die Jugendlichen zusammen ohne die Eltern. Abends gab es zwar Bettruhezeiten, die ich allerdings selten eingehalten habe, weil sie eigentlich nur bei meiner Schwester, die sechs Jahre älter als ich war, überprüft wurden. Ich kam schon mit vierzehn in den Genuss großer Freizügigkeit.

Aber zurück zur Grundschule: Mit elf Jahren habe ich die Schule verlassen, um die Realschule zu besuchen. Was für eine Entspannung! Ich kann noch heute dieses Gefühl einer tiefgreifenden Befreiung nachempfinden: Endlich mal durchatmen und nicht mehr ständig auf der Hut sein müssen. Im Übrigen hatte mein Vater, nach einem für ihn peinlichen Vorfall (er hatte plötzlich die Hand gehoben und ich hatte reflexartig meine Arme zum Schutz hoch gehalten) ein wenig feierlich  verkündet, dass er mich in Zukunft nicht mehr anrühren würde. Nicht ,weil er seine Erziehungsmethoden überdacht hätte. Er befürchtete nur, dass ich irgendwann zurückschlagen würde. Ich war mit zwölf Jahren schon fast so groß wie er, und ich wurde jeden Tag stärker…