
Die Angelegenheit ist sehr persönlich, der Eigenwagen bleibt trotz vermehrter Kritik vielen Deutschen heilig. Das Verhältnis zum eigenen Automobil ist für viele Menschen sehr emotional, fast intim, eine Sache, die niemanden etwas angeht.
Dieses – typisch deutsche – Phänomen ist bekannt, die Werbung der Autohersteller weiß es bestens zu nutzen. Die edelsten Fabrikate werden der überwiegend männlichen Zielgruppe unter großem Aufwand als Objekte ihrer Begierde dargeboten. Mit Verführung, Eleganz, wohlgeformten, schlanken Linien, harmonischen Proportionen ringen die aufgemotzten Karossen der meist oberen Klasse aller Hersteller um die Gunst der Käufer.
Interessanterweise werden die Kosten eines Privatwagens meistens unterschätzt, oft sogar erheblich
Dieses besondere Verhältnis zum Automobil spiegeln die Zahlen wider: Im Jahr 2023 wird die Zahl der zugelassenen Autos in Deutschland 49.0000.000 erreichen. Neunundvierzig Millionen Blechkisten bei einer Bevölkerung von 82 Millionen Menschen. Irrsinn, oder? Aber nicht nur die Masse der Fahrzeuge ist beachtlich. Die Deutschen geben im Vergleich außerdem besonders viel Geld für Autos aus.
Interessanterweise werden die Kosten eines Privatwagens meistens unterschätzt, oft sogar erheblich.
Wissenschaftler aus fünf Instituten und vier Ländern haben die Kosten des Autofahrens in Deutschland untersucht. Die Studie basiert auf der Analyse der Kosten für drei beliebte Modelle (Corsa, Golf, Mercedes GLC), die das breite Spektrum der Autoklassen beispielhaft darstellen.
Unter den Ausgaben im Budget der europäischen Haushalte rangiert die Automobilität auf Platz zwei, direkt hinter den Wohnkosten und vor den Ausgaben für Lebensmittel und Getränke.
Die Studie ist in vielerlei Hinsicht interessant und verdient es, bekannt zu werden. Sie beschränkt sich nicht darauf, möglichst genaue Zahlen zu präsentieren, sondern hinterfragt, ob sich die Nutzer dessen bewusst sind, was ihre Mobilität kostet. Üblicherweise beschränken sich Fachzeitschriften und die Automobilklubs der breiten Öffentlichkeit darauf, die Unterhaltungskosten verschiedener Modelle zu vergleichen. In der Regel werden die Anschaffungskosten separat oder gar nicht behandelt, dadurch wird der Individualität viel Platz eingeräumt, eine private Angelegenheit wird besonders geschützt, dadurch werden deren Kosten verschleiert. Die Wissenschaftler fanden nämlich heraus, dass die meisten Nutzer die Betriebskosten (Kraftstoff, etc…) zwar realistisch einschätzen, die Fixkosten wie Abschreibung, Versicherung, etc… aber enorm unterschätzen. Eine Umfrage unter 7000 Nutzern ergab, dass diejenigen, die meinten, die Kosten genau zu kennen, diese bis zu 50% unterschätzten.
Erschwerend kommt hinzu, dass, wenn die Haushalte bereits ein Auto haben, die Fixkosten nicht mehr berücksichtigt werden, das Auto ist schon da.
Die Bundesbehörde gibt zwar eine Schätzung der gesellschaftlichen Kosten an, aber sie fällt viel zu niedrig aus
Wenig oder oft gar nicht berücksichtigt werden außerdem die Kosten, die der Autoverkehr für die Gesellschaft verursacht. Der Kauf eines Privatwagens setzt voraus, dass die Regierung Straßen unterhält und Parkplätze zur Verfügung stellt. Allein diese Kosten, für die der Bund, die Länder und Kommunen aufkommen, übersteigen bei weitem die KFZ-Steuern und die Gebühren, die Autobesitzer zahlen.
Weitere Folgen des Autoverkehrs sind die Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer (Fußgänger, Radfahrer, andere Fahrzeuge) durch den Barriere-Effekt, die Emissionen von Abgasen und Feinstaub, Luftverschmutzung, Verletzung durch Unfälle, Gesundheitsschäden.
Die Bundesbehörde gibt zwar eine Schätzung der gesellschaftlichen Kosten an, aber sie fällt viel zu niedrig aus. Für diese Kosten kommt die Gesamtbevölkerung auf, unabhängig davon, ob jemand ein Auto hat oder nicht. Der Autoverkehr verschärft die soziale Ungleichheit: Immerhin besitzen im Durchschnitt 19 % der Haushalte (in Großstädten 38%) kein Auto, außerdem sind die Familien mit niedrigem Einkommen (vielleicht hier einfügen: aufgrund der Wohnsituation) von den Schäden wie Luftverschmutzung und Lärm (meistens) direkter betroffen als die Haushalte mit höherem Einkommen.
Die Studie unterscheidet zwischen Privatkosten und Gesellschaftskosten. Für die Privatkosten werden 23, für die Gemeinschaftskosten 10 Positionen berücksichtigt, die in fünf (Wertverlust, variable Kosten, Fixkosten, Reparaturen, diverse Kosten) bzw. drei (Gesundheit, Infrastruktur, Umwelt) Kategorien zusammengefasst sind.
Die gesellschaftlichen Kosten sind solche, die nicht durch Steuern und dergleichen gedeckt sind
Die Studie stützt sich großenteils auf offizielle (Bundesregierung) und bekannte Quellen (ADAC, VDA), die eher konservativ rechnen, und berücksichtigt alle Kosten inklusive des Wertverlusts der Autos.
Die Privatkostenrechnung basiert auf der Berechnung des ADAC für jährlich 15.000 km, die erweitert und verbessert wurde, weil sie unvollständig ist und daher zu niedrige Werte aufweist.
Die gesellschaftlichen Kosten sind solche, die nicht durch Steuern und dergleichen gedeckt sind. Die Studie berücksichtigt zum Beispiel die Steuervorteile der Dienstfahrzeuge oder die neulich eingeführte CO2-Steuer, sowie Gesundheitskosten, Unfallrisiken, Umweltschäden, Luftverschmutzung.
Die sozialen Kosten sind statistische Werte und werden auf die gefahrenen Kilometer berechnet. Manche Kosten sind schwer zu ermitteln, wenn möglich wurden die Marktpreise eingesetzt. Sonst wird auf die hedonische Bewertungsmethode oder Inkaufnahme-Bereitschaft zurückgegriffen. Diese Kosten, auf pro Kilometer gerechnet, können, je nach Göße und Intensität der Fahrzeugnutzung, stark schwanken. Auch das Einkommen und die Größe der Fahrzeuge beeinflussen die Kosten, deshalb unterscheidet die Studie drei in Deutschland repräsentative Kategorien: SUV (21%), Kompaktwagen (21%) und Kleinwagen (17%).
Die Kosten sind beachtlich und viel höher als gewöhnlich angenommen und verbreitet: Sie reichen von 11.400 EUR jährlich für den Corsa (private Kosten 6.700,00 soziale Kosten 4.700,00) bis 18.170,00 (12.900 respektive 5.270,00) für den Mercedes.
Manche Kosten hängen mit Größe und Verbrauch des Wagens zusammen, andere, wie Stau und Unfallkosten, können keinem Modell zugeordnet werden. Die Studie berücksichtigt außerdem diverse Einkommensgruppen und fügt einen ganz neuen Aspekt hinzu: Die „Lebenskosten“ eines Fahrzeugs im Verhältnis zum Lebenseinkommen, auf fünfzig Jahre Nutzung basierend. Fünfzig Jahre sind für Deutschland wahrscheinlich zu wenig, weil es keine Altersbegrenzung gibt. Die Zahlen sind, im Rahmen der Möglichkeiten, inflationsbereinigt.
Bemerkenswert ist, dass die Lobby-Organisationen wie der ADAC die Kosten deutlich unterbewerten und einige Kosten (neben den Sozialkosten) gar nicht berücksichtigen
Im Verhältnis zum Lebenseinkommen, stellen die Ausgaben für ein Automobil einen beträchtlichen Anteil dar: ein ungelernter Arbeiter würde 69% seines Einkommens benötigen, um den Mercedes zu finanzieren, bei dem Corsa sind es immer noch 36%. Es gibt diverse Strategien, um diese enormen Kosten zu senken, wie z. B. einen Gebrauchtwagen zu kaufen, einen Wagen zu teilen, oder einfach weniger fahren, was aber nicht immer möglich ist, insbesondere für die Landbevölkerung. Autohäuser bieten immer öfter Leasing als Finanzierung an, dadurch sinken die wahren Kosten aber nicht, im Gegenteil.
Bemerkenswert ist, dass die Lobby-Organisationen wie der ADAC die Kosten deutlich unterbewerten und einige Kosten (neben den Sozialkosten) gar nicht berücksichtigen. Alles in allem zeigt sich, dass die Personen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen einen Großteil davon für die Nutzung eines Privatwagens aufwenden müssen.
Wenn sie Vergleiche mit anderen Verkehrsmitteln anstellen, neigen Autobesitzer dazu, lediglich die variablen Kosten zu berücksichtigen (das Auto steht sowieso vor der Tür), so dass die öffentlichen Verkehrsmittel teurer erscheinen als sie es sind. Besitzt man ein Auto, wird das Fahren außerdem relativ billiger, je mehr gefahren wird. Diese Kostenstruktur führt dazu, dass Autofahren begünstigt wird und zunimmt. Ein Paradebeispiel ist der Dienstwagen: Der wird in der Regel größer gewählt und mehr gefahren als ein reiner Privatwagen, weil er als Vergünstigung wahrgenommen wird. Ein erheblicher Anteil der Mehrkosten trägt aber die Allgemeinheit. Die sozialen Kosten, die der Gesellschaft auferlegt werden und oft nicht berücksichtigt werden, betragen in der Untersuchung zwischen 29% und 41 % der Gesamtkosten. Zu diesen Kosten, die allen Haushalten auferlegt werden, unabhängig davon, ob sie ein Auto besitzen oder nicht, tragen die vielen Subventionen bei, die der Autoindustrie direkt (Abwrackprämie – 5 Billionen EUR! –, Innovationsprämie) oder indirekt (Steuervergünstigung für Diesel und Firmenwagen, Pendlerpauschale) zugutekommen.
Wieder profitieren die Reichen deutlich mehr als die unteren Einkommensgruppen
Zusammenfassend ist das deutsche Verkehrssystem – das Autofahren nicht nur begünstigt, sondern teilweise fordert, weil es keine Alternative zur Auswahl stellt – extrem ineffizient und ungerecht. Personen mit niedrigem Einkommen (beispielsweise ungelernte Arbeiter) werden oft zum Autobesitz gezwungen, was sich bei einem Corsa auf 60 % des Lebenseinkommens beläuft, wenn man die realen Kosten, also die persönlichen mit den gesellschaftlichen Kosten zusammen addiert..
In der Öffentlichkeit werden die wahren Kosten, sowohl von den Behörden als auch von den Lobby-Oganisationen, grob unterschätzt, insbesondere die Sozialkosten. Die Subventionen und steuerlichen Regelungen sind derart gestaltet, dass die größeren Modelle und höheren Kilometerzahlen vorteilhafter sind: je größer das Auto, je mehr Kilometer im Jahr, umso besser.
Wieder profitieren die Reichen deutlich mehr als die unteren Einkommensgruppen.
Eigentlich offenbart die Studie außer der Höhe der sozialen Kosten keine wirklich neuen Erkenntnisse. Sie zeigt vielmehr sehr deutlich, wie ungerecht das aktuelle System ist. Vor allem belasten die enormen Sozialkosten, die die Automobilität verursacht, auch diejenigen, die kein Auto besitzen (in den Großstädten immerhin 38%). Die Kosten betragen im Schnitt 5.000 EUR je Auto jährlich. Für 2023 werden 49 Millionen Autos in Deutschland erwartet, also werden die Kosten für die Allgemeinheit 245.000.000.000 EUR betragen. Der Besitz von wenig fahrenden Kleinwagen subventioniert absurderweise die SUVs, die viel fahren.
Die Autoindustrie wird nicht nur von den Regierungen aller Couleur wohlwollend behandelt, sie wird großzügig subventioniert und genießt Privilegien, die die Gesellschaft sich schlicht nicht leisten kann. Die Studie macht deutlich, wie dringend wir die Mobilität neu denken müssen. Es wird nicht reichen, hier und da eine Stellschraube zu drehen, die Automobilität ist völlig überholt. Wir müssen kreative neue Konzepte entwickeln, die dem Zu-Fuß-gehen, Fahrrad fahren, CarSharing, der Nutzung Öffentlicher Verkehrsmittel, Gemeinschaftstaxis und dem Schienenverkehr oberste Priorität einräumen.
Wenn die Menschen Fahrrad fahren und sich mehr bewegen, werden sie außerdem gesünder. Ein schöner Nebeneffekt.
Gleichen, Januar 2023
Quellennachweis:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800921003943