
Als Kind hatte ich großen Respekt vor Hunden. Ich wurde als kleiner Junge von einem Kläffer aus der Nachbarschaft verfolgt und gefasst. Er hat mich zwar nicht richtig gebissen, aber er hat ein Loch in meine Hose gerissen, was mir, nach der Verfolgung und dem Bellen, große Angst eingejagt hatte. Im Grunde mochte ich Hunde, sie faszinierten mich einfach. Es gab bei uns allerdings hauptsächlich Hof- und Jagdhunde, die aus verständlichen Gründen an der Kette in Hausnähe in ihrer Hütte lebten. Die Hofhunde waren meistens Hütehunde, die aber nur noch selten auf der Kuhweide (bei uns gab es kaum Schafe) eingesetzt wurden, höchstens mal um die Kühe von der Weide zum Melken zu holen. Inzwischen meldeten sie mehr oder minder lautstark jeden, der sich dem Hof näherte. Ich versuchte sie immer zu streicheln, einige waren wohlwollend und dankbar, andere aggressiv und bedrohlich, wenn ich ihnen nahe kam. Die Besitzer kümmerten sich in der Regel nicht um sie.
Hunde waren einfach da, jeder Hof hatte mindestens einen. Die Gutmütigen liefen frei herum, die Kundschafter waren angekettet, einige wirkten extrem aggressiv und bedrohlich, wenn man ihnen nahe kam. Die Jagdhunde dagegen waren normalerweise angekettet, jagen durften sie nur in Begleitung des Herrn Jägers, was beiden sichtlich große Freude bereitete und in totale Aufregung versetzte.
Mein Opa hatte zum Beispiel einen solchen Hund, der nur sonntags zur Jagdsaison mit Opa „spazieren“ gehen durfte. In Frankreich ist diese Art der Jagd sehr verbreitet, man geht mit dem Hund einfach spazieren in der Hoffnung, ein Tier unter die Flinte zu bekommen. Anfang der 1950er Jahre passierte es nicht sehr oft, die Wildpopulation hatte sich noch nicht vom Krieg erholt, die Jagdvereine unternahmen zahlreiche Versuche, um den Wildbestand zu erhöhen. Sie waren in unserer Region aber nicht besonders erfolgreich.
Im deutschen Abschnitt meiner Existenz änderte sich die Situation schlagartig
Eine befreundete Familie hatte einen deutschen Schäferhund, einen „chien-loup“, wie wir damals sagten. Ich fand ihn klasse, es gibt im Familienalbum ein Foto von mir als Fünfjährigen neben dem sitzenden Hund; er ist fast so groß wie ich, ein wunderschönes Tier. Die Hunde haben meine Kindheit und meine Jugend begleitet, das Verhältnis war eher von großem Respekt als von großer Liebe geprägt. – Als ich mit 14 anfing, längere Touren mit dem Rad zu unternehmen, hatte ich eher unangenehme Begegnungen, einige Hofhunde haben die hässliche Angewohnheit, Vorbeifahrende zu verfolgen. Alles in allem waren meine Begegnungen mit Hunden im französischen Teil meiner Geschichte von großem Interesse, aber von Distanz geprägt.
Im deutschen Abschnitt meiner Existenz änderte sich die Situation schlagartig. Kurz nach meiner Ankunft in Göttingen hat mir meine Freundin (die doch lieber ein wenig Distanz zum Franzosen bewahren wollte) eine WG vermittelt. Jutta, Peer, Dagmar und…. Kellef. Jutta, Peer und Kellef teilten sich 1 1/2 Zimmer. Die Menschen waren sehr lieb und verständnisvoll für meine schwierige Situation (ich war gerade nach Göttingen gekommen und konnte kein Wort Deutsch). Kellef war ein lebendiger, freundlicher „Berger des Pyrénées“-Mischling, dem ich leider zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Einmal sollte ich ihn hüten, auf seine Zeichen Acht geben, um ihn zur rechten Zeit hinauszulassen. – Völlig in mein Studium der deutschen Sprache vertieft, habe ich die Zeichen zwar wahrgenommen, aber nicht rechtzeitig reagiert und das Malheur war schon passiert: er hatte einen Haufen im Flur gemacht.
Nach einem halben Jahr bin ich schon in die nächste WG gezogen, eine „echte“ WG mit politischem Anspruch, gemeinsamen Aktivitäten und gemeinschaftlichem Essen. Das war für mich alles neu und sehr aufregend. Irgendwann zog vorübergehend eine neue Frau ein, sie brachte Stena mit. Stena war eine tolle, freundliche, fröhliche junge Labrador-Mischlingshündin, die Bewegung liebte. Ich hatte damals noch relativ viel Freizeit (ich habe in Abendkursen Französisch unterrichtet) und bin gern mit ihr auf die nahe gelegenen Schillerwiesen gegangen zum Spielen, was sie leidenschaftlich tat.
nach zwei Stunden bellte er die Haustür an, bis jemand aufmachte
Nach zwei Jahren zog ich in die nächste WG. Das Haus gehörte dem Studentenwerk, ein selbst verwaltetes Modell mit zehn Bewohnern … und „Hund“. Hund war eine ziemlich klein geratene Promenadenmischung, mit langem Haar und schönem Gesicht, die jeden Besucher lautstark meldete. Er gehörte zum Mobiliar, aber keiner wusste so recht, wie lange er schon in der Wohngemeinschaft wohnte. Er hatte jedenfalls schon viele MitbewohnerInnen erlebt. Er war sehr selbstständig. Er wurde jeden Morgen hinausgelassen (wir wohnten direkt in der Innenstadt), nach zwei Stunden bellte er die Haustür an, bis jemand aufmachte. Es kam vor, dass keiner da war, irgendwann drehte er noch eine Runde, das Procedere wurde wiederholt. Jeden Morgen machte er seinen Haufen im engen Hof, neben den Fahrrädern. Ich hatte keinen wirklich guten Zugang zu „Hund“, aber einmal habe ich mit einem Mitbewohner den Versuch unternommen, mit ihm spazieren zu gehen. Es war nicht ganz einfach, wir hatten keine Leine und mussten durch die Innenstadt. Es war langwierig, Hund schnüffelte überall herum, aber wir kamen nach einigen Umwegen doch bei der Wiese an. Da waren viele Hunde, aus dem besseren Wohnviertel. Völlig überraschend griff Hund plötzlich einen gutmütigen, aber dreimal so großen Hund an. Er blieb, genauso wie seine Besitzerin, völlig regungslos und konsterniert stehen. Ich konnte Hund am Halsband packen und ihn wegzerren. Da wir ohne Leine waren, mussten wir ein Stück laufen, aber er kam mit.
Nach dem kläglich gescheiterten Versuch fand ich mich damit ab, dass Hund allein in die Innenstadt spazieren ging, wo es nur Asphalt, Beton und Pflaster gab. Wenig später erzählte mir eine Mitbewohnerin, dass Hund sehr oft große Hunde attackierte. Entweder tat er das überzeugend, oder er hatte Glück, jedenfalls kam er nie verletzt zurück. Große Freunde wurden wir nicht. Er wohnte mit uns zusammen, wurde wenig beachtet, was ihn nicht besonders zu stören schien, solange er sein Fressen bekam, seine Runden allein drehen durfte und anschließend hineingelassen wurde.
aber ein Hund in der Familie, sogar im Schlafzimmer, das kannte ich nicht
Nach drei Jahren zog ich aus, Hund verschwand zwar nicht ganz aus meinem Leben, ich besuchte die WG hin und wieder, aber er spielte in meinem Leben keine Rolle mehr. Hunde spielten generell in meinem weiteren Göttinger Leben zunächst keine Rolle mehr, dazu bot sich kein Anlass. – Das sollte sich grundlegend ändern, nachdem ich meine jetzige Frau, Marion, kennenlernte. Bei meiner ersten Übernachtung bei ihr in der WG – wir waren sehr spät nach Hause gekommen – hatte ich ein unvergessliches Erlebnis. Ich hatte zwar einen Hund wahrgenommen, der vom Bett sprang, als wir in ihr Zimmer gingen, mir aber nichts Böses dabei gedacht. Mitten in der Nacht bellte er urplötzlich so laut, dass ich im wahren Sinne des Wortes senkrecht im Bett stand. Marion mahnte ihn routiniert zur Ruhe, und bald hatte das Bellen ein Ende. Bei mir war der Adrenalin-Pegel allerdings in beachtliche Höhe geschossen. Schlagartig war mir klar geworden, wie nahe „Familienhunde“ uns Menschen kommen (können). Plötzlich war jemand in die Intimsphäre des anderen vorgedrungen. Keiner von uns beiden war begeistert. Im Prinzip mochte ich Hunde schon, aber ein Hund in der Familie, sogar im Schlafzimmer, das kannte ich nicht! Das war wirklich neu, darauf war ich gar nicht vorbereitet und fand es sehr störend. Sheitan war auch nicht besonders über den neuen Freund seiner Halterin glücklich! Deren Ex-Freund M bevorzugte er deutlich, der war ein echter Rudelführer, auf ihn war Verlass!
Sheitan war ein schöner Mischling, mit viel Wolfspitz und deutschem Schäferhund, weitere Ursprünge waren ungewiss. Als Welpe sah er wie ein Wollknäuel aus und war absolut unwiderstehlich. Darum wurde er auf einer Öko-Messe von einer Mitbewohnerin von Marion spontan erstanden. Er war doch so süüüüß! Nach relativ kurzer Zeit blieb von ihrer Begeisterung nicht viel übrig, Welpe war noch süß, aber doch ganz schön lästig, sie zog aus, ohne Hund. Sheitan blieb bei Marion und ihrer Freundin A., die gerade Mutter geworden war, Hunde lieb hatte. Sie war bereit, beide „Kinder“ groß zu ziehen. Nach zwei Jahren zog die junge Mutter zu ihrem neuen Freund, sie wollte ihr unterbrochenes Studium wieder aufnehmen. Sheitan blieb bei Marion, die ihn nicht aufgeben wollte. Ihr Freund M mochte Sheitan gern und übernahm einen Teil der Verantwortung, die „Elternschaft“ wurde geteilt. M lebte in einer anderen WG, übernahm ihn einige Tage in der Woche, Marion versorgte ihn die anderen Tage, so wurde Sheitan ein typisches Patchwork-Kind, das mit jeder Situation klar kam. Er wurde zwar hin und her geschleppt, aber er hatte zumindest zwei feste Bezugspersonen, auf die er sich verlassen konnte.
mir war damals überhaupt nicht klar, was ein gelungener Umgang mit dem Familienhund erforderte
In dieses Schema passte ich allerdings gar nicht. Hunde brauchen Beständigkeit und Klarheit. Es hat Jahre gedauert, bis Sheitan mir einigermaßen vertraut hat. Erst nachdem Marion und ich zusammengezogen waren und M für einige Monate ins Ausland gegangen war, änderte sich die Situation. Kurze Zeit später übernahmen wir ihn „ganz“, was sich auf unser Verhältnis sehr positiv auswirkte. Ich nahm es dankbar an, obwohl mir damals überhaupt nicht klar war, was ein gelungener Umgang mit dem Familienhund erforderte. Dass Sheitan auf M und Marion hörte, aber nicht auf mich, habe ich zwar festgestellt, aber zunächst keine großen Anstrengungen unternommen, um diesen Zustand zu ändern. Sheitan war da und ich war bereit auf ihn Rücksicht zu nehmen. Durch die geteilte Elternschaft gingen wir brenzligen Situationen elegant aus dem Weg. Unsere Fahrrad-Urlaube zum Beispiel waren möglich, weil M. für die Zeit den Hund übernahm. Wenn er etwas ohne Hundebegleitung plante, übernahmen wir Sheitan wiederum, so ging es einige Jahre. Ansonsten war Sheitan im Alltag (unheimlich) extrem pflegeleicht. Wir haben beide in Vollzeit gearbeitet, und Sheitan hat meistens den ganzen Tag allein zuhause verbracht, ohne zu „mucken“. Eigentlich unglaublich, und nicht gut für das Tier, wir mussten aber arbeiten und wussten es einfach nicht besser. Sheitan kompensierte diese langen Phasen der Einsamkeit damit, dass er sehr eigenständig blieb und dazu neigte, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne Rücksicht auf uns zu nehmen. Als wir gebaut haben, löste sich die Patchwork- Situation auf, weil wir Sheitan allein übernahmen. Unser Verhältnis änderte sich grundlegend und Sheitan bezog sich immer eindeutiger auf uns. Irgendwann schaffte ich es auch, sein Vertrauen zu gewinnen. Er hatte im Alter von neun Jahren die erste große Operation, die wir gemeinsam sehr gut überstanden. Es sollte drei Jahre später eine weitere, diesmal schwere Operation folgen, die unsere Bindung endgültig gefestigt hat. Zumindest habe ich es so empfunden, weil ich wichtige Veränderungen erlebt habe. Wie es aus Hundesicht ausgesehen haben mag, kann ich dagegen schlecht sagen.
Für Hundebesitzer ist eine solche Situation eine tiefe Demütigung
Nun, ich kann und will nicht unser Zusammenleben in Gänze schildern, ich werde mich auf einige, markante Episoden konzentrieren: Der Bezug auf unsere Familie als eindeutigem Rudel mit festem Standort hat ihm jedenfalls gut getan. Nachdem Marion zu mir aufs Land gezogen war, war er mehrmals alleine in die Stadt zurückgelaufen und hatte auf M an seiner Wohnungstür gewartet. Dafür musste er die Stadt von Süden nach Norden über 11 km durchqueren. Ängstlich war er wirklich nicht, trotzdem muss er einen Schutzengel gehabt haben. Generell war er sowieso gern mal allein unterwegs. Er verschwand immer wieder. Wir waren ziemlich routiniert darin, die relevanten Stationen abzufragen (Feuerwehr, Tierheim, Polizei, Nachbarn beider Wohnstätten). Am häufigsten wurden wir im Tierheim fündig, wo er immer wohlwollend aufgenommen und wieder zurückgegeben wurde.
Die Spaziergänge an unserem Fluss (die Leine) waren mit einem gewissen Risiko behaftet: Wenn er am anderen Ufer etwas spannend fand, schwamm er einfach hinüber. Er kam aber meistens nicht freiwillig zurück. Für Hundebesitzer ist eine solche Situation eine tiefe Demütigung, der absolute GAU. Jeder Spaziergänger kann beobachten, dass ich meinen Hund nicht im Griff habe und amüsiert zuschauen, wie ich über die nächste Brücke eile, um den Schlingel wieder einzusammeln. Auch extreme Kälte hielt ihn von dergleichen Ausflügen nicht ab. Einmal ist er bei eisiger Kälte durch das nicht ganz zugefrorene Wehr zu seiner Freundin Kira geschwommen. Zum Glück war ich mit dem Fahrrad mit ihm unterwegs, ich musste nur einen Umweg über die nächste Brücke nehmen, um ihn einzusammeln. Er kam mir freudig in Begleitung von Kira und ihrer Besitzerin entgegen. Ich war ganz schön sauer. Morgens vor der Arbeit hätte ich lieber auf solche Eskapaden verzichtet.
Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass es doch sehr gesund ist zu erleben, dass Hunde im Hier und Jetzt leben, sie genießen einfach den Augenblick. Dadurch holen sie uns manchmal überraschend zurück in die Realität, zwingen uns geradezu, aufmerksam und präsent zu bleiben. Diese Eigenschaft, die manchen Hundebesitzer sicherlich ärgert, tut den Hunden jedoch meistens gut.
Wir wurden einfach zusammen alt
Die Jahre vergingen, Sheitan wurde ruhiger, ich mit dem Hundehalterleben immer vertrauter. Im Alter von zwölf Jahren wurde er plötzlich ganz still, immer schwächer, wollte nur kurz hinaus, wenn überhaupt. Es war ziemlich untypisch und wir dachten schon, dass schon bald sein Ende kommen würde. Der Tierarzt diagnostizierte einen Tumor und schlug eine OP vor – Er operierte ihn abends um 20 Uhr nach der Sprechstunde. Vorher hatte er uns vor allzu großen Hoffnungen gewarnt, weil der Eingriff mit einem großen Risiko behaftet war. Nach einer halben Stunde kam er strahlend auf uns zu: Er hatte einen riesigen Tumor ((herausoperiert)) operiert, der alle Organe im Bauchraum zerdrückte. Glücklich und erleichtert brachten wir unseren Sheitan, der noch unter Narkose-Einfluss stand, nach Hause. Nachts um 3 Uhr fing er an zu randalieren, um seinen Lieblingsplatz zu erreichen. Ich hatte den Zugang zum Holzboden gesperrt, weil seine Wunde noch etwas blutete. Er erholte sich schnell und wurde trotz seines Alters noch einmal richtig (oder: regelrecht) agil, es wurden unsere besten Jahre zusammen. – Urlaub, Wanderungen, lange Autofahrten nach Frankreich und zurück, er machte alles freudig mit, es machte richtig Spaß.
Komischerweise verhält es sich im privaten ein wenig wie im öffentlichen Leben: leichter ist es, über dramatische, schlimme, negative, oder außergewöhnliche Erlebnisse zu berichten als über das alltägliche Glück. Wir wurden einfach zusammen alt. Hunde altern (natürlich) allerdings doch sehr schnell im Vergleich zu Menschen. Immerhin: er wurde fast sechszehn, ein stattliches Alter. Nach der schlimmen OP verbrachte er (immerhin) noch vier glückliche Jahre mit uns. Am Ende wurde er ganz schön schwach, aber er hat sich nicht gequält, irgendwann mochte er nichts mehr essen und es ging schnell abwärts. Bei uns flossen einige Tränen, wir haben uns eine Trauerzeit eingeräumt, aber eins war völlig klar: Ohne Hund geht es nicht!