Einige unter Euch werden sie aus ihrer aktiven politischen Vergangenheit kennen: Die Volksküche, auch VoKü genannt. Bei Bauplatz-, Straßenblokaden, Hausbesetzungen, bei allen politischen Widerstands-Aktivitäten, die sich über eine gewisse Zeitspanne hinzogen, wurde Essen für die teilnehmenden Menschen organisiert. Mal spontan und einfach, auf die Sättigung der Aktiven ausgerichtet, mal voll durchorganisiert und anspruchsvoll und sehr wohlschmeckend, bei unzähligen Aktionen wurde eine Versorgung organisiert. Das fand ich immer toll. In meinen wilden Jahren habe ich regelmäßig einen Polit-Camp der Libertären in der Nähe von Manosque im südfranzösischen Lubéron besucht. Die Organisatoren haben einen etwas heruntergekommenen Campingplatz für zwei Wochen gebucht und Aktivistinnen und Interessierte aus ganz Frankreich eingeladen. Die sanitäre Ausstattung war bescheiden, alt, eingeschränkt, ziemlich rustikal, dafür hatten wir ein Natur-Freibad (vom eiskalten Bergwasser gespeist), ein Volleyball-Feld, einen modernen Veranstaltungsraum und eine einfache, überdachte Freilicht-Küche. Sehr rudimentär, aber mit großen Gaskochern, Pfannen und Töpfen, die einer Großküche würdig waren.
Bis fünfzig Personen mit Frühstück und zwei warmen Mahlzeiten zu versorgen ist nämlich gar nicht so einfach.
Jeden Tag fanden Diskussionsveranstaltungen zu diversen aktuellen Themen statt. Freizeit, Spiele etc. kamen natürlich auch nicht zu kurz. Aber fasziniert haben mich vor allem die Mahlzeiten. Die gesellige Atmosphäre der freudigen Geräuschkulisse angeregter Tischgespräche und Geschirrgeklapper, von Lachen untermalt, hat mich total begeistert. Unmittelbar nach der Ankunft wurde man zum Koch-/Einkaufsdienst für die kommende Woche eingeteilt. Ein Team von drei bis sechs Personen, je nach aktueller Anzahl der Gäste, wurde für je einen Tag gebildet, an dem es für die Versorgung der Gruppe (20 bis 50 Leute) verantwortlich war. Die Organisatoren achteten peinlich darauf, dass jeder Gruppe mindestens eine halbwegs erfahrene Person zugeordnet wurde, die eine zuverlässige Versorgung sicherte. Bis fünfzig Personen mit Frühstück und zwei warmen Mahlzeiten zu versorgen ist nämlich gar nicht so einfach.
Umso zufriedenstellender ist das Erlebnis dann eine Gruppe zu beobachten, die glücklich, gesättigt, untereinander plaudernd, zufrieden in die leeren Teller schaut. In Frankreich wird das Erlebnis des gemeinsamen Speisens gern zelebriert. Völlig zu Recht, wie ich finde, weil es eine besonders vielseitige Art des Genusses und der Kommunikation (oder besser: Art von Genuss und Kommunikation) darstellt. Es muss ja kein vier-Sterne Menü sein, auch ein Spiegelei mit Spinat und Kartoffeln kann fabelhaft schmecken, in angenehmer Gesellschaft wird der Genuss noch gesteigert.
Bei der Kantine des Camping de l’OCL (Organisation Communiste Libertaire) gab es keine exquisiten Menüs, dafür Spaß und gute Laune. Das Essen hat auch meistens geschmeckt, obwohl (eher: auch wenn) einige Teams von der Aufgabe – einkaufen, kochen, pünktlich servieren, abwaschen für zwei Mahlzeiten und im Schnitt für 30 Personen – reichlich gestresst waren. Das „Publikum“ war eher großzügig und positiv gestimmt, das hat natürlich sehr geholfen.
Als für mich, gefühlte fünfzig Jahre später, das Rentenalter nahte, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich diese Esskultur ein wenig beleben und diese schönen Erinnerungen auffrischen könnte. Gedanklich habe ich alle Möglichkeiten durchgespielt, die mir durch den Kopf kamen. Eine Variante bestand darin, im Dorfgemeinschaftshaus, das über eine kleine Küche verfügt, für die halbe Straße zu kochen. – Das war doch etwas übermütig, (oder: das stellte sich dann allerdings als etwas übermütig / verwegen / heraus), zumal ich mir über die hygienischen Vorschriften bezüglich öffentlicher Garküchen keinerlei Gedanken gemacht hatte. Im Laufe der Zeit, als die Angelegenheit immer konkreter wurde, habe ich meinen Eifer gebremst und überlegt, erst einmal „kleine Brötchen zu backen“, schließlich könnte ich die Aktion später erweitern.
Gemeinsam haben wir ein Stück Esskultur zurückerobert, das ist toll!
Das Ergebnis ist unsere WEG-Tafel geworden. Einmal im Monat koche ich für die acht Familien aus unserer Wohnungseigentümer-Gemeinschaft. Wenn alle da sind, sitzen 17 Personen am Tisch, das geht gerade noch in unserem kleinen Haus. Ich koche gern für eine Gruppe, wenn sie nicht allzu groß ist und den Rahmen meiner Küche und seiner Ausstattung nicht völlig sprengt.
Da einige unter uns Vegetarier sind, habe ich beschlossen, immer vegetarisch zu kochen. Es gibt drei Gänge, aus biologischen, möglichst regionalen Produkten. Es macht Spaß, einfache Gerichte zusammenzustellen, die schmecken und zu der Gruppenstärke passen. Inzwischen gibt es die WEG-Tafel seit drei Jahren (mit Corona-Unterbrechung) und alle Beteiligten sind damit glücklich. Gemeinsam haben wir ein Stück Esskultur zurückerobert, das ist toll!