Eine Frage, die viele beschäftigt und die wirklich sehr spannend ist: Wie konnte Putin dem russischen Volk die vielen Lügen, die über die staatlich kontrollierten Medien verbreitet werden, glaubhaft machen? Immerhin steht, sechs Wochen nach der Invasion, Schätzung von Fachleuten zufolge 50 – 60 % der Bevölkerung hinter dieser „Politik“. Diese Zahlen sind angesichts der brutalen, systematischen Unterdrückung kritischer Stimmen nur bedingt aussagefähig. Andererseits berichten viele vertrauenswürdige Medien von beunruhigend vielen Menschen, Verwandten, Freunden, die die militärische Operation gut heißen. Glauben sie wirklich, dass die Ukraine voller Faschisten ist, die die russisch-stämmige Bevölkerung massakriert? Oder ist es nur bequemer, es zu glauben und diese Version nicht zu hinterfragen? Zurzeit scheint es fast unmöglich zu klären, wie viele Menschen in Russland den Krieg, der jeden Tag ein Stück seiner hässlichen Fratze enthüllt, wirklich befürworten.
Es handelte sich um eine „Intervention zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung in Überseegebieten“
Die euphemistische Wortwahl „Spezialoperation“ stößt weltweit völlig zu recht auf Unverständnis und Empörung. Der Angriff auf die Ukraine müsste richtigerweise „Massaker und Terrorisierung der Zivilbevölkerung“ heißen. Verschleierung eines Krieges durch geschickte Umschreibung ist allerdings eine längst bewährte Taktik. Wer sich mit der neueren Geschichte beschäftigt, findet schnell dafür Beispiele. Schauen wir nur 60 Jahre zurück: Gerade jährt sich das Ende des Krieges zwischen Algerien und Frankreich. In meiner ersten Heimat Frankreich wurde kürzlich viel darüber berichtet. Der Krieg ging am 19. März 1962 zu Ende. Die französische Regierung hat sich bis 1972 konsequent geweigert, für diese höchst blutige militärische Auseinandersetzung die Bezeichnung „Krieg“ zu akzeptieren. Es handelte sich um eine „Intervention zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung in Überseegebieten“. Am Anfang des Konfliktes war Algerien noch französisches Territorium, angemessen wäre also „Bürgerkrieg“ gewesen. Ein Krieg war es auf jeden Fall, der Zehntausende Zivilpersonen und Soldaten das Leben kostete. Dennoch durfte man jahrelang diese hässliche, seitens der französischen Armee, insbesondere der „Bataillons parachutistes“ mit ungeheurer Brutalität geführte „Operation“ nicht beim Namen nennen. Meines Wissens wurden, anders als jetzt in Russland, Zuwiderhandlungen nicht gleich mit Gefängnis bestraft. Die Parallele fällt unheimlich auf, aber wen kümmert es noch nach 60 Jahren?
Nun zurück zu Putin: Wie schafft er es bloß, die dreisten Lügen, die tagtäglich im Staatsfernsehen verbreitet werden, für eine große Mehrheit der Bevölkerung — nach aktuellem Kenntnisstand der westlichen Medien — glaubhaft zu verschleiern? Viele Medienschaffende, die russische Wurzeln haben, berichten häufig von in Russland lebenden Freunden, Bekannten, Verwandten, von Intellektuellen, die die westliche Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine für US-Propaganda halten. Offenbar erreichen unzensierte, unabhängige Informationsquellen eine kleine Minderheit der Menschen über VPN, eine Technologie, die die staatlichen Verbote umgeht. Wie viele es sind, wie sie leben, welchen Einfluss sie haben, darüber wissen wir so gut wie gar nichts.
Kein Mensch der Welt, so mächtig er auch sein mag, kann allein, im Namen einer ganzen Bevölkerung von 144 Millionen Personen, einen Krieg vom Zaun brechen und führen
Die Führungskräfte der westlichen Demokratien wollen gern glauben, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung keinen Krieg will oder von keinem Krieg weiß. Kein zivilisierter, Demokratie liebender Mensch möchte einen Krieg führen, sagen sie. Allein Putin ist für den Krieg verantwortlich. Ehrlich gesagt zweifele ich daran, dass diese Darstellung der Realität entspricht. Es schmeichelt dem liberalen, demokratischen, westlichen Geist zu glauben, dass allein die Vernunft und der gesunde Menschenverstand jeden Krieg verbieten. Nur: stimmt es wirklich? In unseren westlichen Demokratien will es scheinbar keiner hören, dennoch verhält es sich anders. Auch im Westen stehen, geografisch schön verteilt, genug Atomwaffen, um die Erde mehrfach in die Luft zu jagen.
Kein Mensch der Welt, so mächtig er auch sein mag, kann allein, im Namen einer ganzen Bevölkerung von 144 Millionen Personen, einen Krieg vom Zaun brechen und führen. Von den Streitkräften und Soldaten selbst mal abgesehen, die zusammen genommen eine Stärke von 900.000 Personen ausmachen und selbst Hand anlegen müssen, gibt es die übrigen 143 Millionen, die nicht alle wirklich gegen einen Krieg sind. Sicherlich ist es nicht so, dass alle dafür sind. Aber es waren schon Stimmen aus der Bevölkerung zu hören, die sagten „Es wird Zeit, mal dort (in der Ukraine) aufzuräumen“. Auch in Deutschland waren laute Stimmen für die Politik von Putin zu vernehmen. Sicherlich steht im Gegensatz zur Propaganda nicht die ganze Bevölkerung hinter dieser ominösen „Operation“, viele haben Russland bereits verlassen, trotz allem beteiligen sich viele, oder haben nicht ernsthaft etwas dagegen. Es müsste sich inzwischen auch in Russland herumgesprochen haben, dass die russischen Flugzeuge keine Schokoladenpralinen auf Aleppo geworfen haben, oder?
Wir wären – glaube ich – gut beraten, uns von der These „Putin ist doch völlig verrückt“ zu verabschieden. Diese Behauptung ist beruhigend einfach, führt aber in eine Sackgasse. Eine Zukunft für Europa gibt es nur mit Russland und Putin, zumindest kurzfristig, eine höchstunwahrscheinliche Palastrevolution würde nicht unbedingt Heil bringen, (Putin selbst ist schlimmer als seine letzten Vorgänger). Auch wenn es gerade sehr schwer erscheint, muss die Zukunft vor allem das russische Volk einbeziehen und eine friedvolle Perspektive bieten.