Ist die Welt noch zu retten, Sir Partha Dasgupta?

Final Report of the Independent Review on the Economics of Biodiversity led by Professor Sir Partha Dasgupta.

Arbres sous la neige

Der Bericht über die „Ökonomie der Biodiversität“ liegt dem Finanzministerium der britischen Regierung seit Anfang Februar vor. Die Studie wurde im März 2019 vom Ministerium in Auftrag gegeben. Sie wurde von Sir Partha Dasgupta geleitet,  der Professor der Ökonomie an der Universität von Cambridge ist. Das Ergebnis ist erschütternd und ernüchternd zugleich.

Ja, die Welt ist vielleicht zu retten! Aber dafür müssen wir unser ökonomisches Denken, unser Handeln, unsere Lebensweise, unsere Institutionen, unsere Gewohnheiten radikal ändern!

Wir müssen vor allem verstehen, dass die Menschheit nicht außerhalb des Natur-Kreislaufs steht, sondern dass sie ein Bestandteil der Natur ist.

Es gibt eine strukturelle, grundlegende Unstimmigkeit bei der Berechnung unserer Wirtschaftskraft: Da es für die Natur und ihre Ressourcen keinen Marktpreis gibt, werden sie so behandelt, als seien sie umsonst zu haben. Das hat fatale Folgen: Wir entnehmen dem Natur-Kreislauf seit Jahrzehnten viel mehr, als wir ihm zuführen. Die Natur schrumpft, sozusagen. Schätzungsweise bräuchten wir 1,6 mal die Naturressourcen, um unseren aktuellen Lebensstandard zu halten.

Zuallererst müssen wir lernen, den Wohlstand, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, nicht mehr ausschließlich am Wert „BIP“ zu messen. Die Natur und ihre Ressourcen müssen ebenfalls als Vermögenswerte betrachtet werden. Wie die Umweltbewegung Anfang der achtziger Jahre fest stellte: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ geschweige denn Profit. Wer hätte das gedacht: Die Ökonomie entdeckt die Natur als „Kostenfaktor“. Diese trockene Feststellung bedeutet, dass wir die Natur, entgegen der bisher üblichen Praxis in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen, Landwirtschaft inklusive, nicht länger rücksichtslos ausbeuten und beherrschen dürfen. Wir müssen ihr etwas zurückgeben und massiv investieren, wenn wir unsere Existenz und die unserer Nachfahren sichern wollen. Lebenswichtige Ressourcen, die ökologisch betrachtet von Weltbedeutung sind, wie die tropischen Regenwälder und die offenen Meere, müssen als öffentliches Gut behandelt werden. Sie können und dürfen nicht privatisiert werden und die Weltgemeinschaft muss für ihren Schutz, Säuberung, Instandhaltung, etc. gemeinsam finanziell aufkommen. Die Studie sieht drei Hauptaktionsfelder, um der Katastrophe zu entkommen:

– nicht mehr Natur-Ressourcen verbrauchen, als die Natur uns liefern kann und das aktuelle Niveau der Schutzmaßnahmen deutlich erhöhen

Das gilt insbesondere für die Landwirtschaft, meint aber auch die Verödung und Versandung der Böden, die Überfischung und die Verschmutzung der Weltmeere, die unkontrollierte Ausbeutung des Waldbestands, die Zerstörung der tropischen Regenwälder, etc.

Aber auch ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum verbraucht zu viele Naturressourcen, es muss durch Bildung, Aufklärung, Hilfsprogramme eingedämmt werden. Das heißt aber auch:

weniger konsumieren. Das gilt natürlich insbesondere für die reichen Länder, die ohnehin eine desaströse Naturbilanz aufweisen. Es geht nicht nur um Umweltverschmutzung durch industrielle Produktion, sondern auch z. B. um Fleischkonsum, der eine enorme Energie-Verschwendung bedeutet.

– die Technik für die Bemessung unseres wirtschaftlichen Erfolgs verändern und den Weg einer nachhaltigen Ökonomie einschlagen, der den Faktor „Natur“ berücksichtigt.

Die Bemessung unserer Ökonomie darf sich nicht mehr allein nach BIP richten. Diese Art der Berechnung hat zur übermäßigen Ausbeutung der Natur geführt, mit fatalen Folgen. Sie muss natürliche Vermögenswerte wie saubere Luft, saubere Meere, natürlicher Fischbestand, gesunde Böden, Schaffung und Erhaltung natürlicher Erholungsgebiete, Erhaltung der Artenvielfalt berücksichtigen.

– Veränderung unserer Finanz- und Bildungssysteme mit dem Ziel, eine langfristige Veränderung zu gewährleisten

Ökosysteme wie Regenwald, offene Meere, die für die Fischerei und die Schifffahrt genutzt werden, müssen durch transnationale Institutionen und Vereinbarungen geschützt werden, die ihre Erhaltung sichern. Regierung, Banken, Finanzinstitute, private und öffentliche Einrichtungen müssen Anreize schaffen, um eine nachhaltige Ökonomie zu etablieren. Auch unsere Bildungs- und Erziehungsprogramme müssen dahingehend modifiziert werden, dass die Menschen ein anderes Verhältnis zur Natur und deren Ressourcen entwickeln.

Da darf man sehr gespannt sein, was der Auftraggeber daraus macht, ich werde es mit großem Interesse verfolgen.

Den Originaltext findet ihr unter:

https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review

Der Bericht liegt in drei Versionen vor, jeweils als PDF-Dokument: eine zehnseitige Fassung mit den Hauptthesen, eine auf hundert Seiten gekürzte Fassung und das Original, das 600 Seiten umfasst.

The Review will report ahead of the 15th meeting of the Conference of the Parties to the Convention on Biological Diversity – an international biodiversity summit taking place in Kunming, China in October 2020.