Autoteilen auf dem Dorf

Diskussionen und Gedankenaustausch sind sehr wichtig und wesentlicher Bestandteil von meinem Blog. Nichtsdestotrotz werde ich ebenfalls über konkrete Erfahrungen berichten. Hier geht es um ein Projekt, das in unserem Dorf Groß Lengden realisiert wurde. Am 7. Februar 2020, ein knappes Jahr nach seiner Gründung, startete unser Verein „Groß Lengden fährt elektrisch“ mit einem nagelneuem ZOE. Wie haben einen langen Atem gebraucht, aber nun können wir mit der aktiven Phase der Umsetzung unserer Ideen beginnen. Uns geht es nicht nur darum, elektrisch zu fahren, es geht in erster Linie darum, ein Fahrzeug zu teilen und somit einen Beitrag zu einem anderen, ökologischeren Umgang mit Mobilität im ländlichen Raum zu leisten. Auszug aus der Satzung: „Der Verein tritt für ein menschen- und umweltverträgliches Verkehrswesen und für die Verringerung der Umweltbelastungen durch den Verkehr ein. Er setzt sich insbesondere für die Reduzierung des motorisierten Verkehrs, die sparsame Verwendung von Energie, Raum und Rohstoffen, den Vorrang umweltverträglicher Verkehrsmittel und umweltschonende und sozialverträgliche Fahrweise ein.“

Die erste Umfrage weckte bei vielen Mitbürgern ein starkes Interesse

Wie alles begann: Im Herbst 2017 folgten einige Beiratsmitglieder und interessierte Bürger der Einladung von LEADER (Förderinstrument der Europäischen Union zur Stärkung und Weiterentwicklung der ländlichen Räume.) zur Auftaktveranstaltung des Wettbewerbs „Unser Dorf fährt elektrisch“. Nach der Veranstaltung bildete sich schnell eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, am Wettbewerb teilzunehmen. Die Aufgabe des Wettbewerbs bestand darin, ein stimmiges Konzept für die gemeinsame Nutzung eines Elektro-Fahrzeugs zu entwickeln. Neben einer Kostenaufstellung für Beschaffung, Unterhaltung und die Nutzung des Fahrzeugs (Leasing, Versicherung, Buchungssoftware, Stromkosten, Reparaturen, etc…) musste die Arbeitsgruppe genügend Personen finden, die sich bereit erklärten, das Fahrzeug zu nutzen.

Die erste Umfrage weckte bei vielen Mitbürgern ein starkes Interesse, das war ein sehr positives Zeichen. Als die Interessierten aufgefordert wurden, die voraussichtliche Nutzungsdauer pro Woche anzugeben – was ja für eine verbindliche Kalkulation einer zukünftigen Nutzung unbedingt erforderlich ist – zögerten allerdings einige. Knapp zehn Familien blieben übrig. Unser Konzept sieht eine Nutzung vor, die sich an Haushalten orientiert, (bei einfacher Mitgliedschaft dürfen zwei Personen fahren);  es geht darum, einen Zweit- oder gar Drittwagen überflüssig zu machen. Anders als bei gewerblichen Carsharing-Unternehmen muss das Fahrzeug immer zum festen Standort zurückgebracht werden, was Fahrten zur Arbeitsstelle praktisch ausschließt. Die Einrichtung eines Fahrdienstes für Mitbürger wurde in Erwägung gezogen, aber angesichts der bescheidenen Größe unseres Teams (drei aktive Personen) stellten wir das Vorhaben zunächst zurück. 

Nach langer Wartezeit, Ende 2019, wurde die Ladesäule endlich aufgestellt

Der Gewinn für die erfolgreichen Dörfer bestand in der Aufstellung einer Ladesäule am gewählten Standort, für den ersten Platz im Landkreis gab es zusätzlich 7.500 EUR für den Erwerb des Elektrofahrzeugs.

Schließlich gaben wir unser Konzept Ende August 2018 bei der Projektleitung ab. Einige Wochen später wurde es offiziell angenommen: Dadurch hatten wir schon mal eine Ladesäule gewonnen! Das Konzept musste „nur“ noch in die Realität umgesetzt werden.

Nach langer Wartezeit, Ende 2019, wurde die Ladesäule endlich aufgestellt, Anfang Januar wurde sie vom Betreiber in Betrieb genommen. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Fahrzeug, Versicherung, Buchungsportal mussten schnellstens beschafft, abgeschlossen, eingerichtet werden, damit der Betrieb aufgenommen werden konnte. Wir waren aber gut vorbereitet und seit Anfang Februar 2020 ist unser Verein stolzer Besitzer eines neuen ZOEs. Er kann ausschließlich von den Vereinsmitgliedern genutzt werden. Sie erhalten einen Zugang zum Buchungsportal, auf dem sie am Computer oder am mobilen Gerät das Fahrzeug buchen können. Im Allgemein ist die Resonanz sehr gut, viele Dorfbewohner sind vom Projekt sehr angetan. Der Verein hat sogar viele Fördermitglieder, die meisten besitzen bereits zwei Fahrzeuge und haben zurzeit keinen Bedarf, aber sie möchten dennoch das Projekt vorantreiben.

In den ersten Wochen nach Inbetriebnahme, stellten wir fest, dass die Anzahl der gebuchten Stunden stetig zugenommen und nach anfänglicher Zurückhaltung bereits ein gutes Niveau erreicht hatte.  Elektrisch fahren ist jedenfalls ein besonderes Erlebnis, das können wir festhalten. 

Nach einem Jahr Corona hat sich das Projekt zwar gut geschlagen, aber nicht das Niveau erreicht, sich wirtschaftlich selbst zu tragen. Wir haben einige Hilfen erhalten und kommen „über die Runden“, aber den Traum ein weiteres Fahrzeug (E-Lastrad oder ein weiteres E- Auto) anzuschaffen müssen wir verschieben. Das wäre schon toll, wenn wir eine größere „Flotte“ unterhalten könnten. Das würde Buchungsmöglichkeiten flexibler gestalten und somit die Attraktivität des Autoteilens deutlich erhöhen. Undenkbar ist es nicht, die Anzahl der Pensionäre nimmt stetig zu, viele Familien werde im Zuge dieser Entwicklung wahrscheinlich ein Auto abschaffen… Wir sind jedenfalls für einen solchen Fall gerüstet: Unsere Ladesäule ist mit zwei Anschlüssen ausgestattet.