
Freiheit verteidigen ist in jedem Fall ein lobenswertes Ziel, keine Frage, insofern verdient Josef Kelnberger unsere Anerkennung und unsere Unterstützung. Es geht ihm um die freiheitliche Demokratie, die nun durch eine „Lokokratie“ aus dem Labor bedroht wird. Diese „Lokokratie“ haben wir den PolitikerInnen zu verdanken, die sich immer mehr von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und prominenten WissenschaftlerInnen leiten lassen.
In der Tat: Seitdem ein bisher nur bei einigen Fachleuten gut bekanntes Virus die Weltbühne betrat, haben die Wissenschaften um die Virologie enormen Einfluss auf politische Debatten gewonnen. So omnipräsent in den Medien, in unserem Alltag, bei politischen Entscheidungen haben wir die Wissenschaft nicht erlebt. Einige WissenschaftlerInnen haben sicherlich die Gunst der Stunde genutzt und die ihnen offen stehende mediale Bühne missbraucht. Andere haben den Ernst der Lage erkannt und ihre Kenntnisse beispielsweise in Physik und Mathematik genutzt, um Modelle zur Bekämpfung der Virus-Verbreitung zu entwerfen. Ich persönlich bin froh und dankbar, dass sie so flexibel waren und schnell Szenarien entwickelt haben, die sehr hilfreich sein könnten.
Was weiß schon ein Mathematiker über Pandemien und Epidemiologie?
Vielen, auch Josef Kelnberger, scheint es nicht recht zu sein, einigen ist dieser plötzliche „Fachwandel“ sogar suspekt. Was weiß schon ein Mathematiker über Pandemien und Epidemiologie? Sie wollen doch immer nur mehr und härtere Maßnahmen beschließen, die unsere persönliche Freiheit beschneiden. Tja, irgendwie stimmt das. Ob es wirklich am Ende der Wahrheit entspricht, wissen wir nicht. Noch nicht.
„Die Gesellschaft ächzt und stöhnt unter dem Entzug der Freiheit…“, schreibt JK. Das klingt nach Knast irgendwie, oder nach dem Leiden der Pachtbauern im Zeitalter des Absolutismus. Die Formulierung lässt vermuten, dass hinter dem Entzug eine willkürliche Macht steht. Als die Helmpflicht für Kradfahrer, die Sicherheitsgurte für Autofahrer eingeführt wurden, hörte man auch viele Stimmen, die einen unerträglichen Eingriff in die persönliche Freiheit beklagten.
Um welche und wessen Freiheit geht es eigentlich? In Frankreich, dem Land wo Liberté, neben Egalité und Fraternité, beheimatet ist, gibt es einen schönen Spruch, der aus der Menschenrechtserklärung von 1789 abgeleitet wurde: „Ma Liberté s’arrête là où commence celle des autres“. Sinngemäß: meine persönliche Freiheit hört genau da auf, wo diejenige der anderen anfängt.
Und wer hat diesen Freiheitsentzug zu verantworten?
Die in öffentlichen Räumen eingeführte Maskenpflicht etwa, illustriert wunderbar diesen „Freiheitskonflikt“, insbesondere in der ersten Phase, als das Tragen einer Maske hauptsächlich die anderen und nicht einen selbst geschützt hat. Inzwischen sind die FFP2-Masken weit verbreitet, die auch die tragende Person schützen. Die herkömmlichen OP-Masken tun es nicht.
Und wer hat diesen Freiheitsentzug zu verantworten? Die Politiker*innen? Eine Politik, die von der Wissenschaft diktiert wird, hört man in manchen Kreisen. Das ist immer beruhigend, wenn die Schuldigen ausgemacht sind. Davon abgesehen, dass dadurch kein Problem gelöst ist, ist die Sache deutlich komplizierter.
Wir erinnern uns, wie stark die Verbreitungsdynamik des Virus am Anfang, selbst von den kompetentesten Wissenschaftlern wie Christian Drosten, unterschätzt wurde. Auch die Wissenschaft musste sich viel Wissen über den Erreger, seine besonderen Eigenschaften, seine Vorgehensweise bei der Ansteckung und Verbreitung, aneignen. Im virologischen Labor spiegelte sich die Schärfe der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Die Wissenschaft und die bürgerliche Gesellschaft haben in den letzten zwölf Monaten extrem viel über das Virus und seine Verbreitungsweise gelernt. Das zeigt einerseits, wie schnell die Wissenschaft in Notsituationen voranschreitet, und andererseits wie hilflos wir am Anfang der Pandemie waren. Für die Politiker*innen eine extrem unangenehme Situation. Einerseits wird erwartet, dass sie eine Strategie für die Bekämpfung der Pandemie liefern, andererseits konnte damals die Wissenschaft allenfalls Fragmente, aber keineswegs einen klaren, fertigen Schlachtplan anbieten. Auch die chinesische Praxis der radikalen Abriegelung ganzer Regionen wirkte etwas hilfslos, obwohl sie ziemlich erfolgreich war. Unter solchen Umständen kann die Politik nur Falsches tun. Das tat sie, zumindest teilweise.
Bis alle Erdbewohner immunisiert sind – und damit hoffentlich das Virus ausgerottet ist – , wird es einige Jahre dauern
Inzwischen wurde von europäischen Wissenschaftler*innen ein praktikables, transnationales Modell entwickelt, das eine wirksame Bekämpfung gewährleisten kann und eine Wiedererlangung der entzogenen Freiheit verspricht: die No Covid Strategie.
Gerade wenn das Virus Mutanten entwickelt, die resistenter sind und sich noch schneller verbreiten, ist es besonders wichtig, die Infektionsketten lückenlos zu verfolgen. Bis alle Erdbewohner entweder durch Vakzine oder auf natürliche Weise immunisiert sind – und damit hoffentlich das Virus ausgerottet ist – , wird es einige Jahre dauern, insofern erscheint diese Strategie sehr vernünftig. Aber wer kann/will schon vernünftig sein, wenn die persönliche Freiheit unerträglich eingeschränkt ist?
Paradoxerweise beklagen viele, auch JK, dass die Politik inkonsistent, planlos und rücksichtslos ist, falsche Hoffnungen weckt, keine langfristige Perspektive auf Entspannung verspricht. Es wurde sicherlich Fehler gemacht, unhaltbare Versprechen, sowohl im privaten (heilige Weihnacht) als auch im beruflichen (Gastronomie, Hotellerie…) Leben. Versucht die Politik jedoch, Orientierungspunkte zu geben, indem sie Zahlen für die sieben-Tage-Inzidenz und den R-Wert bestimmt, kritisieren dieselben Personen das Vorgehen mit dem Argument, dass eine freiheitlich demokratische Ordnung sich unmöglich von Laborwerten lenken lassen sollte.
Im Prinzip verteidigen wir sie ja seit Anfang der Pandemie
Demokratie aus dem Labor? Nicht mit uns, wir müssen unsere Freiheit verteidigen!
Im Prinzip verteidigen wir sie ja seit Anfang der Pandemie. Mit dem Ergebnis, dass wir in sieben der letzten zwölf Monaten mit erheblichen Einschränkungen leben mussten. Natürlich sehnt sich jede und jeder nach der altgewohnten Freiheit in allen Bereichen des Lebens.
Wir müssen aber verstehen, dass es mit dem Virus erst die Freiheit geben wird, wenn wir das Virus unter totaler Kontrolle halten. Das bedeutet, dass keine einzige Infektion unbekannter Herkunft geduldet werden darf. Eigentlich eine ziemliche klare, einleuchtende Strategie.
Die mehr oder minder großzügigen Lockerungen werden zwangsläufig dazu führen, dass das Virus früher oder später mit und/oder ohne Mutanten die Oberhand gewinnen wird, uns immer wieder zu mehr oder minder harten Lockdowns zwingen wird.
Das Virus kennt einfach unsere freiheitlich demokratische Ordnung nicht, es hat eigene Prioritäten und – noch – die Macht, sie durchzusetzen.