
Leserbrief zur SZ vom 31. Januar 24/2021, Essay von Harald Freiberger, „Stoppt das Game“
Harald Freiberger möchte die Aktienkultur in Deutschland (oder am besten weltweit?) vor gefährlichen Praktiken bewahren. Einige skrupellose junge Burschen, sogenannte „Neobroker“ sorgen mächtig für Wirbel in der Börsenszene, indem sie Leerverkäufe diverser Hedgefonds torpedieren.
Neobroker sind, der Name sagt es schon, eine Neuerscheinung auf den Aktienmärkten. Eine der bekanntesten in den USA nennt sich „Robinhood“, das deutsche Pendant heißt „Trade Republik“. Das sind wohlklingende Namen, die den Eindruck erwecken, für einen guten Zweck und gerecht zu handeln. Begriffe wie Demokratie, Gerechtigkeit, Wohltätigkeit werden automatisch damit assoziiert, man gehört zu den „Guten“.
Sie wollten natürlich nur den Markt „bereinigen“
Ein wesentlicher Unterschied zum üblichen Börsenhandel ist, dass jeder und jede provisionsfrei, ohne Depot, ohne großen bürokratischen Aufwand mit Aktien online handeln kann. Die genannten Plattformen haben in den letzten Monaten an Popularität gewonnen, sie sind sehr schnell gewachsen. Die Neobroker inszenieren sich erfolgreich als Retter von angegriffenen Firmen und Börsenakteuren.
Eine Aktion, die kürzlich besonders gut verlief, ist allerdings aus dem Ruder geraten: Einige Hedgefonds hatten auf die ‚Baisse‘ verschiedener Aktien spekuliert (Gamestop, Nokia, AMC, Blackberry), die sie für überbewertet hielten. Sie wollten natürlich nur den Markt „bereinigen“ (und dabei kräftig kassieren).
Der Autor schreibt von Schäden in Milliardenhöhe.
Nun haben die Neobroker mit einer geschickten online-Kampagne dafür gesorgt, dass Kleinanleger massenhaft die angegriffenen Aktien online gekauft haben. Deren Kurs ist rapide nach oben geschossen, was für die Hedgefonds einen erheblichen Verlust bedeutet. Der Autor schreibt von Schäden in Milliardenhöhe.
Ironischer Weise hat die vermeintliche Rettungsaktion so gut geklappt, dass es selbst den Neobrokern zu viel wurde und sie die Käufe einiger Aktien nicht mehr angenommen haben. Die jungen Burschen dachten wohl, sie wären im Casino! Sie sind aber verpflichtet, die Nachfrage zu bedienen. Die Bafin musste einschreiten.
Im Februar 2016 griff die Bafin ebenfalls ein
Wir stellen fest: Die Börsenaufsicht sorgt in einem solchen Fall dafür, dass weitere Käufe stattfinden, obwohl die Aktien bereits überhöhte Kurse erreicht haben, die weiter steigen und irrsinnige Höhen erklimmen. Diese Entwicklung möchte der Autor aber stoppen. Das ist vernünftig.
Wir erinnern uns: Im Februar 2016 griff die Bafin ebenfalls ein, als Matthew Earl die Wirecard mit Leerkäufen durch seine Firma bedrohte und den Zatarra-Bericht über die Wirecard veröffentlichte. Darin war die Rede von illegalem Glücksspiel, Betrug und Geldwäsche. Die im Bericht enthaltenen Beschuldigungen wurden, wie wir nun alle wissen, im Verlauf der folgenden Jahren weitestgehend bestätigt, sogar erheblich erweitert. Die BAFIN hat damals nicht etwa den Wahrheitsgehalt des Berichts überprüfen lassen; sie hat vielmehr den vermeintlich verantwortlichen Autor des Berichts der Falschaussage beschuldigt und ihm die Staatsanwaltschaft auf den Hals gehetzt.
Ist das wirklich die Börsenkultur, die der Autor bewahren möchte?
Fassen wir zusammen: Die gepflegte Börsenhandelskultur erlaubt den Hedgefonds auf die Baisse bestimmter Aktien zu spekulieren. In der Regel verfügen die Hedgefonds durchaus über Möglichkeiten, diese Baisse zu forcieren (Berichte, Gerüchte, die zur richtigen Zeit publiziert werden, sind da sehr hilfreich, genau das hat Matthew Earl getan) – damit erhöhen sie ihre Gewinnchance erheblich.
Wird die Baisse durch chaotische Wirbel, online-Kampagnen von Querulanten, die wie im Casino agieren, in eine unkontrollierte ‚Hausse‘ verwandelt, muss die Bafin intervenieren, d.h. für „Ordnung“ sorgen und die Kurse weiter befeuern.
Ist das wirklich die Börsenkultur, die der Autor bewahren möchte?
eine handelsferne Institution, die es zu erfinden und zu gründen gilt
Die Liste der Sünden jener Kultur ist sehr lang, und die Neobroker haben lediglich im Rahmen der erlaubten Transaktionen gehandelt. Sie sind nicht die ersten, leider auch nicht die letzten, die dramatisch über das Ziel hinaus schießen.
Nein, die Börsenkultur bedarf nicht einer sorgsamen Pflege, sondern vielmehr einer radikalen Reformierung, Überwachung, Regulierung durch eine handelsferne Institution, die es zu erfinden und zu gründen gilt. Alle sind gefordert! Auch der Autor, der über ein immenses Wissen verfügen muss, ist gefragt.