Klimawandel, alles wird anders, Gedanken zum Buch von Bernd Ulrich

Wir haben einfach Angst, unseren Wohlstand zu verlieren. Darum tun wir uns alle mit der Klimakrise unheimlich schwer. Es geht um nichts Anderes als um unseren „Way of life“, wie die Nordamerikaner zu sagen pflegen. Darum reden viele, die es eigentlich besser wissen oder zumindest wissen sollten,  um den heißen Brei herum! 

Wenn wir es mit dem Klima wirklich ernst meinen, heißt es schlicht: Schluss mit lustig, Schluss mit dem wahnwitzigen Luxus, den wir uns schon viel zu lange leisten! Dabei sind die SUV nur die müde Spitze eines immer schneller schmelzenden Icebergs. Es geht nicht nur um das Fliegen, wobei nicht entscheidend ist, ob Kurz- oder Weitflug beansprucht wird. Es geht nicht nur um Fleischkonsum oder um Plastiktüten. Es geht darum, dass unser Lebensstandard, damit meine ich den Lebensstandard der westlichen Welt, nicht nur auf Kosten der schamlosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der eigenen, sondern der ganzen Welt, und in vielen Bereichen insbesondere der armen Länder geschieht, und dass dieser Prozess der Ausplünderung in den letzten Jahrzehnten immer weiter beschleunigt und auf neue Bereiche und Stoffe erweitert wurde. 

Man muss kein genialer Statistiker sein, um zu erahnen, was passieren würde, wenn alle Menschen der Welt unseren Lebensstandard nicht nur anstreben würden, sondern auch realisieren könnten. Ich möchte behaupten, dass die meisten sogenannten führenden Kräfte der westlichen Welt,  – egal, ob sie im privaten oder öffentlichen Bereich, ob in der Finanz oder der Industrie, in Politik oder den Medien –  es alle wissen Die Klimafrage kann nur global gelöst werden. 

Wenn man diese Logik akzeptiert und vor allem umfassend verstanden hat, weiß man auch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein unerbittlicher Kampf um die Verteilung des begrenzten Kuchens aufbricht.  Die Top Ten bei den CO²-Emissionen spiegeln relativ gut den aktuellen Kuchenanteil wieder, den sich diese Länder (USA, Kanada, Luxemburg, Deutschland…..) gönnen. Gerade diese Länder tun sich bei der Bekämpfung des Wandels nicht besonders hervor ; Deutschland hat es zwar geschafft, sich ein anderes Image zu verschaffen, aber wie wir wissen, steckt außer warmer Luft nicht viel dahinter. Deutschland gilt in der europäischen Gemeinschaft als fortschrittlich, aber bei der Festsetzung des CO2-Preis im Emissionshandel blieb die Regierung weit unter den Forderungen der Klimaschützer, wenngleich im Nachgang der Preis von 10,- Nur auf 25,- EUR je Tonne heraufgesetzt wurde.

Keiner wird seine Privilegien freiwillig aufgeben. Ironischerweise haben es die ‘Gelben Westen’ in Frankreich  besonders deutlich gezeigt : „Wir zahlen eure Öko-Rechnung nicht!“. Lokal und regional betrachtet, also auf Frankreich und Europa bezogen, gehören sie zwar nicht unbedingt zu den Privilegiertesten. Macron war nicht besonders geschickt, als er eine Erhöhung der Kraftstoff-Steuer verkündete, aber global betrachtet gehören sie  selbstverständlich ebenso zu den Profiteuren der hemmungslosen Ausbeutung der natürlichen und menschlichen Weltressourcen. 

Welcher Politiker würde sich trauen, den Leuten an den Kreiseln  ((da wäre eventuell eine Fußnote angebracht, habe keine Ahnung, ob deutsche Leser das mit den Kreiseln sofort verstehen) diese Wahrheit zu verkünden? Selbst Mélenchon, der für seine radikalen verbalen Ausbrüche bekannt ist, würde es nicht wagen, obwohl er ein Vertreter der Unterprivilegierten sein will. Die Frage ist nur : Wer ist damit gemeint? Die Internationalismus-Debatte, die u. a. von dem Widerstand gegen den Vietnam-Krieg losgetreten wurde, ist aus der öffentlichen Debatte lange verschwunden. Dafür rückt in der westlichen Welt die Kritik an der dramatisch zunehmende Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums und des Einkommens, also der finanziellen Ausbeute des Wachstums in den Vordergrund. Es ist in der Tat für eine zivilisierte Welt beschämend, dass solch ein Anteil des Reichtums und der Ressourcen in so wenigen Händen gehalten wird. Diese Tatsache ist lediglich ein Ausdruck der ansonsten extrem ungleichen Verteilung des Wohlstands, eine Zuspitzung innerhalb der Bevölkerungsgruppe der Gewinner. Diejenigen, die unter der Armutsgrenze der OECD-Länder eingeordnet werden, leben bei Weitem nicht luxuriös. Verglichen mit dem Weltdurchschnitt, oder noch besser mit dem mittleren Einkommen der Weltbevölkerung, haben sie es allerdings  wirtschaftlich noch sehr gut. 

Aucune richesse économique  substantielle n‘est innocente, contrairement à ce que prétend Bernd Ulrich. Je n“ai rien contre les riches personnellement, mais il ne faut pas se faire d‘illusions: tant qu‘il y aura des très riches ce sera dur pour la planète et son climat.

Unsere kapitalistische Gesellschaft ist inzwischen extrem auf Wohlstand, finanziellen Erfolg und Konsum fixiert. Auch wenn nicht jeder Verbraucher nach Luxusgütern strebt oder überhaupt daran denkt, sich solche zu leisten : wenn er es kann, ist die Anziehungskraft materieller Gegenstände, die den Erfolg symbolisieren so groß, dass selbst vernünftige Zeitungen wie Die Zeit geradezu voll von  Werbung für diese Symbole sind. Ob sündhaft teure, absurd kraftvolle, schnelle Autos, Uhren, Mode, Parfums, Kreuzfahrten… alles, was Erfolg, Geld und Reichtum symbolisiert, ist dabei. Ich kann mir vorstellen, dass die Anbieter den wertvollen Platz teuer bezahlen, und dass Die Zeit ohne Anzeigen nicht überleben könnte, obwohl sie nicht gerade inhaltlich den Konsumwahn predigt oder die gesellschaftliche Anerkennung durch Symbole repräsentiert. 

Genau da liegt unser Grundproblem, und keiner kommt daran vorbei. In den Wirtschaftsseiten (nicht nur der Zeit) werden die Deutschen regelmäßig gerügt, weil sie zu wenig in Aktien investieren und „Geld verschenken“. Stimmt: die Aktien sind nach wie vor die sicherste Art, sein Geld zu vermehren, falls man welches hat. Der Wert ganzer Konzerne und somit aller Menschen und deren Handlungen, die daran beteiligt sind, wird fast ausschließlich nach dem Aktienwert beurteilt. Wenn der Klimaschutz auf die Symbolkraft und das schauspielerische Talent eines Leonardo di Caprio setzt, ist der Kampf schon verloren: Wer nimmt ihn ernst bei diesem Anliegen? Jeder weiß, dass er luxuriös lebt. Statussymbole gehören zu seinem Geschäft, und das hat nun mal außer einer reinen zufälligen Rollenbesetzung nichts mit Klimaschutz zu schaffen. Greta hat gut daran, so früh anzufangen, sie hat sich noch nicht kompromittiert, auf keiner Ebene. Man darf gespannt sein, wie lange sie durchhält. 

Naja – Bernd Ulrich predigt, dass die Babyboomer wie er zumindest Veganer werden und weniger fliegen und keinen SUV fahren sollten und so. Die Generation hat wie keine andere davor uneingeschränktes Konsumieren aus vollen Zügen genossen, um nicht zu sagen zelebriert, jetzt ist mal Schluss! Eine bescheidene Forderung. Aber immerhin ein Anfang, um den Planeten zu retten. Auch die einstigen Revolutionäre, die bei den Grünen ihre politische Heimat gefunden haben, sind ziemlich bescheiden geworden. Sie fordern ja nicht mal annähernd den CO2-Preis, den Umwelt-Wissenschaftler als realistisch empfehlen. Könnte knapp werden mit dem Klima. In der letzten Zeit steht eine Weltkarte, die zeigt, wie die Erde aussehen wird, wenn die Erwärmung 4 Grad Celsius erreicht hat. Beeindruckend! Alle Gebiete südlich von Paris (!) werden unbewohnbar! Das wird es aber eng für die paar Milliarden Menschen, die es überleben werden. Aber viele arbeiten daran, gegen die negativen Folgen, also Erhöhung des Wasserspiegels z. B. Schutzmauern zu errichten. Die Holländer sind da ganz vorn, ein fleißiges Völkchen. Sie sind es natürlich gewohnt, gegen widrige Gewässer zu kämpfen und nehmen die Bedrohung als gegeben hin, statt sich auf hypothetische Einigungen zu verlassen. Irgendwie ist es eine gesunde, pragmatische Einstellung. Andererseits sehr ernüchternd. Sie haben sogar einen schwimmenden Viehhof entwickelt.

Und sie planen munter weiter…