Deutsche Winter

Als ich Ende des Jahres 1978 nach Deutschland kam, war es schon relativ kalt. Mir war sowieso immer kalt. Nach einigen Wochen, Mitte Dezember, kam der Schnee. Der hielt bis Mitte März. Dass es ausgerechnet in jenem Winter in Norddeutschland eine absolute Ausnahme war und sogar zu regelrechten Schneekatastrophen weiter im Norden kam, habe ich erst später realisiert. Ich habe die Situation für normal gehalten, zumal die Leute in Göttingen mir nicht besonders beunruhigt erschienen, die Schneemassen fielen tatsächlich deutlich weiter im Norden.

Schnee kannte ich nur aus dem Skiurlaub

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Ich bin in der Nähe von Bordeaux aufgewachsen, zwar im Landesinnern, aber die Luftlinie zum Atlantik beträgt dort höchstens 100 km. In meinen ersten achtzehn Lebensjahren habe ich dort zweimal Schnee erlebt, der länger als zwei Tage liegen geblieben ist. Schnee kannte ich nur aus dem Skiurlaub in den Alpen oder  in den Pyrenäen. Er war zum Vergnügen da. Damals habe ich es einfach hingenommen und nur gedacht, so sind eben deutsche Winter, Punkt.  In den darauf folgenden Jahren war der Winter nicht ganz so hart, das habe ich schon wahrgenommen. Aber damals war mir das Wetter egal, ich hatte ganz andere Sorgen, wie die nächste Arbeitskollektiv-Versammlung, die nächste Demo-Vorbereitung und der WG-Alltag. In Brokdorf, bei der Großdemonstration im Februar 1981, haben wir ganz schön gefroren; ich weiß noch, dass das Wasser vom Wasserwerfer sofort auf meinen Klamotten zu Eisklumpen gefror, als ich getroffen wurde. Sowas hatte ich vorher nicht erlebt, und das hat mich tatsächlich beeindruckt, obwohl das Phänomen nicht nur auf die niedrige Temperatur zurückzuführen ist. 

Na, so eine Hütte im Süden hätte ich auch mal gern

Die Zeit verging, lange Jahre habe ich mir keine Gedanken über den Winter gemacht, und ich habe gedacht, dass ich in Deutschland voll assimiliert bin, Winter inklusive. Wenn wir in Südfrankreich unterwegs waren, was mindestens einmal im Jahr passierte, haben wir uns schon Häuser angeschaut und so zum Spaß gesagt: Na, so eine Hütte im Süden hätte ich auch mal gern, oder? Gegen Ende der neunziger Jahre haben wir zwar noch nach Häusern geschaut, aber die Preise waren dermaßen gestiegen, dass ein solcher Kauf für uns unerschwinglich geworden war. Aber der Gedanke, mal im Winter in milderen Gebieten zu weilen, reizte mich immer mehr.

 Solange ich gearbeitet habe und mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, habe ich dem Winter etwas abgetrotzt

 Nach über 30 Jahren Deutschland fing der Winter an, mich richtig zu nerven. Vor allem das Grau. Die Dunkelheit. Die nasse Kälte. Keine Sonne. Irgendwann fing ich an zu fantasieren und dachte: Naja, wenn ich Rentner bin – Anfang 2019 war es schon so weit – können wir vielleicht mal so ein Häuschen im Lubéron oder in den Cévennes für ein paar Wochen mieten und uns dort, während der dunkelsten deutschen Winterzeit, im Hellen aufhalten. Je mehr und je konkreter wir – meine Frau und ich – darüber sprachen, umso klarer wurde mir: Daraus wird nichts. Wenn, dann müsste ich es schon alleine machen, vielleicht könnte ich noch unseren Hund mitnehmen. Die Vorstellung, allein mit unserem Hund, den ich ja sehr liebe, in irgend einem Haus da unten zu hocken, auch wenn der Winter dort angenehmer ist, aber doch Winter bleibt, fand ich nicht wirklich reizvoll. Da bliebe mir nur die schlechte Laune…

…doch lieber eine Woche Malle für 199 EUR?

 Solange ich gearbeitet habe und mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, und das bei nahezu jeder Wetterlage, hatte ich wenigstens die Genugtuung, dem Winter etwas abgetrotzt zu haben: jeden Tag ein kleiner Sieg, zwar bescheiden, aber immerhin ein Sieg. Dafür haben sogar meine KollegInnen große Anerkennung gezeigt. Seit dem Ruhestand sieht der Winter eher nach Niederlage aus: Meine Frau sagte mir gestern, dass meine schlechte Winter-Laune schwer zu ertragen sei. Da sie ein positiver Mensch ist, hat sie mir gleich Tipps gegeben, die gegen die miese Stimmung helfen sollen: Es gibt  Lampen, die einem Sonnenstrahlen wie im Sommer spenden, 30 Minuten täglich würden reichen. Außerdem gibt es gewisse Meditationsübungen, die gegen trübe Gedanken manchmal Wunder wirken….. Beruhigt hat mich das nicht wirklich. Ich spüre eine gewisse Skepsis in mir aufsteigen. Sollte ich vielleicht doch lieber eine Woche Malle für 199 EUR buchen?