SPRECHEN ÜBER GOTT, BYUNG-CHUL HAN
Dialog mit Simone Weil
Aufmerksamkeit
Der Verfall der Aufmerksamkeit ist für den Tod der Religion verantwortlich. Eine interessante These. Das nachlassende Interesse am Christentum hat sicherlich andere Gründe, aber dieser Aspekt ist nicht außer Acht zu lassen. Die Hervorhebung des Blicks (regard) und seiner zentralen Rolle ist ebenfalls gut beobachtet.
Décréation
Diese Idee, eine transzendente Dimension – in diesem Fall eine besondere Nähe zu Gott – zu erreichen, indem man ins Nichts verfällt, also auf die eigenen Empfindungen, Gefühle und die Einzigartigkeit, also das ICH, verzichtet, finde ich völlig fremd. Auch diesem Gedanken können wahrscheinlich nur Gläubige folgen. Das ICH ist sicherlich oft eine massive Einschränkung, aber wir sind nun einmal einfache Geschöpfe.
Leere
Die Theodynamik der Leere, die mit jeder Form von Macht und Gewalt bricht und ein typisches Merkmal des Christentums sein soll, hört sich spontan gut an. Die Idee der Universalität, die individuelle Grenzen überwindet und in einer Politik der Freundschaft mündet, gefällt ebenfalls. Vermutlich sind diese Gedanken jedoch dazu verdammt, im Universum der Ideen zu verbleiben.
Stille
Der Beschreibung und Bewertung des Schweigens, insbesondere des Schweigens Gottes, kann wahrscheinlich nur jemand folgen, der tief gläubig ist. Ich kann jedenfalls überhaupt nichts damit anfangen; mir fallen eher böse Bemerkungen dazu ein.
Schönheit
Der Missbrauch der Ästhetik, die Herabsetzung der Schönheit zum bloßen Merkmal einer Ware durch die Konsumgesellschaft, ist in der Tat widerlich; er wird sehr konsequent und systematisch praktiziert. Schönheit und wahre Kunst dagegen als tief religiös zu bezeichnen, finde ich anmaßend. Es mag sein, dass religiöse Menschen Schönheit und Kunst bei Gott verorten. Es kann aber nicht sein, dass Kunst erst durch Gottes Willen bzw. Vermittlung entsteht.
Schmerz
Die Bezeichnung unserer Welt als „Palliativgesellschaft“ hat einen sehr bitteren Beigeschmack. Sie zeigt auch, dass der Autor einen sehr eingeschränkten Blick auf dieselbe hat. Selbst die von ihm völlig zu Recht stark kritisierten sozialen Medien – im Übrigen auch die konventionellen Medien – zeigen jeden Tag eine Menge Schmerz in allen erdenklichen Erscheinungsformen. Oder wie sollen all die Bilder von Krieg, Elend und Hunger bezeichnet werden? Es stimmt zwar, dass sich die Medizin der letzten Jahrzehnte sehr darauf konzentriert hat, körperliche Schmerzen in vielerlei menschlichen Lagen zu lindern. Dabei ging es sicherlich auch darum, Menschen möglichst schnell dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung zu stellen. Andererseits wüsste ich keinen guten Grund, heutzutage einen Zahn ohne Betäubung zu ziehen. Davon abgesehen wissen z. B. Radsportler sehr gut, dass bei der Ausübung ihres Sports teilweise erhebliche Schmerzen unablässig sind.
Untätigkeit
Die wissenschaftliche Forschung sei nur eine Form religiöser Kontemplation. Bei allem Respekt fürchte ich, dass sich die meisten Wissenschaftler von einer solchen Beschreibung ihrer Tätigkeit tief beleidigt fühlen. Religiöse Rituale und Zeremonien als reine Schönheit zu empfinden, finde ich sogar abstoßend. Mag sein, dass damit die katholische Messe und ähnliche Veranstaltungen gemeint sind. Wenn ich jedoch an gewisse islamische Rituale wie Beschneidung und Steinigung denke, wird mir schlecht.
Fazit
Eine scharfe, berechtigte Kritik der gegenwärtigen kapitalistischen Lebensweise, die sich dem Diktat der neoklassischen Ökonomie unterwirft und Zerstörung auf vielen Ebenen verursacht, Natur und Menschen tiefe Schäden zufügt. Leider bleibt die Kritik sehr oberflächlich; sie idealisiert die katholische Sicht auf die Welt stark, ohne zu reflektieren, dass ausgerechnet diese Sicht der Dinge für immenses Leid in den letzten Jahrhunderten zumindest mitverantwortlich ist.
Vielleicht kann man das Büchlein als Anleitung zum katholischen Klosterleben verwenden.