WIE WIRD DIE KI UNSER LEBEN VERÄNDERN?

Im Zeit Magazin 28/26 erschien ein Dossier zum Thema KI. Zehn Experte wurden gefragt, welche Entwicklung wir in einem, in fünf und in zehn Jahren erleben werden. Mein Kommentar dazu:

Der alte Professor (64)

Untersucht die Folgen auf dem Arbeitsmarkt. Durch den Einsatz von KI wird es schwieriger für Berufseinsteiger, als Programmierer oder im Callcenter einen Job zu finden. Andererseits werden KI-erfahrene Kräfte gesucht. Aber mittelfristig finden radikale Veränderungen statt: Die Produktivität und der Wohlstand steigen dramatisch, die meisten von uns führen eine Armada von Agenten, die allerlei Arbeiten für uns erledigen.

Ich finde, der Professor hat eine etwas eingeschränkte Perspektive auf das Weltgeschehen. Davon abgesehen, dass die Aussicht auf eine massive Produktivitätssteigerung eine reine, ziemlich gewagte Wette ist, glaube ich nicht, dass der Waldarbeiter, der Friseur, die Reinigungskraft, der Paketzusteller oder der Pizzabote besonders viel von der KI profitieren werden.

Auch wenn durch den Einsatz von KI viele Krankheiten „besiegt“ werden, bleibt die Frage, wer davon profitiert, unberührt. Ich möchte in diesem Zusammenhang an den Impfstoff gegen Corona erinnern. Die reichen Länder haben schnell (unter Zuhilfenahme der KI?) einen Impfstoff entwickelt, schnell produziert und schnell unter sich verteilt. Das Versprechen, den Stoff an die Länder des globalen Südens im großen Stil weiterzureichen, haben sie nicht eingelöst, obwohl es theoretisch einen Boomerang-Effekt hätte auslösen können.

Der Professor sieht zwar die Gefahr, dass der Gewinn nicht allen zugutekommt, bleibt aber optimistisch. Das nenne ich Zweckoptimismus: Die Fortschrittsmaschine rollt weiter, es wird schon gut gehen.

Die Sicherheitsexpertin (34)

Sie erfährt gerade, wie die KI ihre Untersuchungsbereiche (Geheimdienst, Militär, Cybersicherheit) völlig durchdringt und darin eine bestimmende Rolle übernimmt. Teilweise werden nicht nur die Angriffsziele bestimmt, sondern auch Strategien von der KI entwickelt.

Das bedeutet, dass die KI mit ihren Drohnen, Netzwerken und Robotern den Krieg führt. Für uns? Oder für wen?

Bald werden außerdem unzählige Agenten im Internet aktiv sein. Viele werden unkontrolliert Angriffsziele und Sicherheitslücken suchen und wahrscheinlich finden. Die Expertin räumt ein, dass es durchaus große Zerstörungen in der zivilen sowie in der militärischen Infrastruktur geben kann. Sogar die große Katastrophe (eine atomare?) ist nicht auszuschließen. Sie muss aber nicht passieren.

Der Produktentwickler (31, Mitarbeiter von OpenAI)

Mit genügend Rechenleistung werden Agenten mehr oder minder selbstständig in Wissensberufen, im Finanzwesen und in der Softwareentwicklung die meiste Arbeit erledigen. Sie werden Probleme lösen, für die Menschen keine Lösung kennen, und das in Bereichen wie Klima, Medizin, Physik und Materialforschung.

Agenten werden alle Aufgaben übernehmen, die Menschen heute mit Computern erledigen. Auch die Roboter werden immer besser und den Fortschritt beschleunigen. Im Prinzip wird es eine sehr positive Entwicklung geben, wenn genügend Rechenleistung vorhanden ist.

Der Mann sieht im technologischen Fortschritt ein riesiges Potenzial, äußert zwar die Sorge, dass dessen Früchte nicht von allen gleichermaßen geerntet werden können, mehr aber nicht.

Man könnte seine Vision als einen Blindflug durch das technologische Paradies bezeichnen: eine Utopie, die durch den Einsatz der magischen KI-Hand entsteht, die mühelos alle Probleme der Menschen löst.

Kann man eine solche Einstellung wirklich ernst nehmen? Silicon Valley hebt ab. Aber wohin?

Der Medizin-Forscher (42)

Nachdem er lange Jahre erfolgreich an der Entwicklung von Sprachmodellen mitgewirkt hat, ist Richard Socher von der automatisierten Medizin-Forschung geradezu besessen. Auch er träumt davon, das Altern zu überwinden, als ob es eine Krankheit wäre.

Wir sind doch keine Maschinen, die immer wieder durch frische Ersatzteile erneuert werden können beziehungsweise müssen!

Wenn alle Menschen so viel älter werden würden, würde es außerdem die Welt in eine tiefe Krise stürzen. Die Ressourcen der Erde sind definitiv begrenzt. Diese Art von Forschung kann doch nur eine kleine Elite (unter der Leitung von Peter Thiel und Elon Musk, B.) nutzen. Zur Not könnte sie zum Mars fliehen, wenn es auf dem Planeten Erde schlecht läuft.

Ziemlich absurd finde ich auch die Konzentration auf Diabetes-Medikamente. Wenn wir die Volkskrankheit wirklich ernsthaft bekämpfen wollen, könnten wir sinnvollerweise mit einer intensiven Prophylaxe beginnen und die Krankheit gar nicht erst entstehen lassen.

Der „Uber“-Professor (56)

Erfrischend ernüchternd. Schwer zu sagen, ob seine Vorhersage zutrifft und die Blase platzt. Denkbar ist es allemal, insbesondere wenn der Börsengang wie angekündigt enorme Finanzströme auslöst, die die reale wirtschaftliche Potenz der KI-Giganten extrem übersteigen.

Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass er den Optimismus seiner Kollegen nicht teilt. Die meisten übrigen Experten haben allerdings ein starkes persönliches Interesse daran, Optimismus zu verbreiten: Denken wir an den Mitarbeiter von OpenAI. Sein Konzern steht kurz vor dem Börsenzugang; er muss einfach gute Nachrichten verbreiten.

Der Video-Modellierer (46)

Die KI tut sich mit Dingen, die für uns selbstverständlich sind, ungeheuer schwer: mit der Hand nach einer Gabel greifen, einen Ball fangen, gehen, laufen. Je dynamischer und komplexer eine Bewegung ist, desto schwieriger wird es.

Will man Roboter bauen, die teilweise Menschen ersetzen sollen (zum Beispiel in der Altenpflege), ist es unheimlich schwer, sie mit der angemessenen Motorik auszustatten.

Inzwischen können Roboter aber aus Videos lernen. Eine spannende Entwicklung.

Er sagt eine Dreiteilung voraus:

  1. Die langfristig angelegte, intensive und innovative Nutzung wird neue Werte schaffen.
  2. Die kurzfristige Effizienzsteigerung wird hier und da erhebliche Gewinne bringen.
  3. Diejenigen, die die KI gar nicht nutzen konnten oder wollten, werden die großen Verlierer sein.

Hochinteressant finde ich die Bewertung, die dahintersteht: Die gierigen Opportunisten gewinnen nur kurzfristig, die modernen Vernünftigen schaffen neue Werte (welche?). Schließlich bleiben die Rückständigen (Fortschrittsverweigerer?) auf der Strecke.

Die Musikerin (46)

Die KI verändert die Welt ständig und vollkommen; es gibt eigentlich nur positive Aspekte. Nur: Die Politik hinkt hinterher und muss sich den neuen Herausforderungen bezüglich der menschlichen Interaktion stellen und Lösungen erarbeiten – auch im Hinblick auf ethische Fragen.

Die rasante Entwicklung wird die Menschen dazu zwingen, ihre Gesellschaft neu zu organisieren. Aber ihre Probleme werden alle gelöst.

In der Summe haben wir es mit einem alle Bereiche umfassenden, undifferenzierten Optimismus zu tun: einer unfassbaren, magischen (göttlichen?) Kraft, die alles regelt.

Nur der Mensch wird es möglicherweise vermasseln (wie im Garten Eden?).

Die Parallele zur Religion wird daher sehr deutlich.

Der Digitalminister (56)

Den ehemaligen Elektronik-Verkäufer erkennt man schon im ersten Satz. Die KI-Agenten erledigen schon bald unsere Post und verhandeln neue Verträge, auch in juristischer Hinsicht.

Wenn Europa initiativ bleibt, wird es einen Produktivitäts- und Wachstumssprung geben. Es gibt zwar Gefahren, etwa im Bereich der Sicherheit oder der Cyberkriminalität, aber die Gesellschaft wird vernünftige Lösungen finden und den Menschen beachtliche Verbesserungen (Medizin, Arbeit, Klimaschutz, Energieversorgung) ermöglichen.

Sogar die Demokratie wird eine Renaissance erleben.

Wenn man weiß, wie schwer sich gerade Deutschland mit der digitalen Patientenakte tut, die eine eher leichte Aufgabe darstellt, fragt man sich schon, woher der nicht mehr ganz so frische Minister so viel Optimismus schöpft.

Der Optimist aus Silicon Valley (59)

Optimismus kann man das eigentlich gar nicht mehr nennen. Was uns in zehn Jahren erwartet, könnte man fast ein Paradies nennen: Alle Krankheiten können blitzschnell geheilt werden, die Menschen werden mindestens 200 Jahre alt, alle Ressourcen-, Energie-, Klima- und sonstigen Probleme sind gelöst. Die Menschen können viel weniger arbeiten, und Roboter nehmen ihnen alle lästigen Aufgaben ab.

Es könnte sein, dass einige Kriminelle – sowohl Staaten als auch Einzelpersonen – versuchen, diese unvorstellbare Macht zu missbrauchen. Aber das Menschliche wird sich durchsetzen.

Glück und Zufriedenheit aus Österreich

Nach so viel Technologie-, Fortschritts- und Wachstumswahn tut es einfach gut zu lesen, dass jemand wenigstens Wohlbefinden und Zufriedenheit der Menschen in den Vordergrund stellt. Eine echte Wohltat!

Keiner der „Vorredner“ hat es erwähnt, aber die KI verbraucht so viel Energie und Ressourcen, dass sie in gesellschaftliche Hand gehört.

Es fällt schon ein bisschen schwer zu glauben, dass es gelingt, die KI-Entwicklung zu zähmen und in eine andere Bahn zu lenken. Es gab bereits einige Versuche auf europäischer Ebene, das Internet oder soziale Medien zu regulieren. Dagegen wird sich großer Widerstand organisieren. Außerdem wird sicher das Standardargument kommen: Wer bei der KI nicht mitmacht, wird abgehängt.

Das Problem mit solchen Vorschlägen ist leider, dass man mit dem Gemeinwohlinteresse weder die nächsten Wahlen noch Geld gewinnen kann. Eventuelle Regelungen und Disziplinierungsmaßnahmen für die KI müssten von unten, zum Beispiel von Bürgergruppen, durchgesetzt werden.

Insgesamt wirkt – ich nenne sie der Einfachheit halber „Blase“ – die KI-Blase ungeheuer dynamisch und extrem chaotisch, obwohl sie von einer Handvoll Konzerne dominiert wird.

Auf der einen Seite stehen die Entwickler, die fasziniert bis besessen von ihren Erfolgen und von ihren Fortschritten berauscht sind, trotzdem aber meistens ehrlich eine bessere Welt schaffen wollen.

Auf der anderen Seite stehen die Investoren, die kein Risiko scheuen, auf keinen Fall eine Gewinnchance verpassen wollen und Riesensummen in die finanzhungrige Entwicklung stecken.

Dann gibt es die Politiker, die völlig überfordert sind (die Tatsache, dass der deutsche Minister vor seiner Ernennung Geschäftsführer eines Haushalts-Elektronik-Konzerns war, ist in dieser Hinsicht bezeichnend), keinesfalls rückständig erscheinen wollen, aber letztendlich keine ausreichende Kompetenz besitzen.

Insgesamt können wir folgende Punkte festhalten:

– Am Prinzip „Wohlstand durch Wachstum“ halten neun von zehn fest, auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wird.

– Alle vertrauen grundsätzlich auf die Fähigkeit der neuartigen Technologien, verkürzt KI genannt, Lösungen in nahezu allen gegenwärtigen Problemfeldern (Klima, Medizin, Sicherheit, Mobilität, Verteidigung, Demokratie) zu finden.

– Der Menschenwille, der immerhin die KI erfunden hat und sie immer noch im Wesentlichen steuert, ist in den meisten Beiträgen nur noch schemenhaft wahrnehmbar – als ob die KI ein Eigenleben führen würde.

– Zahlreiche „KI-Experten“ behaupten gerne, zum Beispiel, dass „autonomes Fahren“ problemlos möglich sei oder dass Drohnen ihre Ziele selbst bestimmen und treffen würden. Das ist aber nur theoretisch der Fall.

In der Praxis entwickelt sich das autonome Fahren, das Elon Musk uns schon vor langer Zeit als revolutionäres Erfolgsmodell präsentierte, äußerst schleppend. Das größte Robotaxi-Unternehmen der Welt, Waymo, zählt heute rund 3.000 Fahrzeuge (gegenüber etwa 200.000 konventionellen Taxis in den USA).

Wie jüngste Beispiele aus Gaza und dem Iran zeigen, entpuppen sich KI-definierte militärische Ziele nach den tödlichen Treffern teilweise als zivile Ziele. Dennoch wird weiterhin behauptet, dass die KI die Technologien beherrschen würde.

Noch ist es eine Glaubensfrage, ob die Technologie uns eher retten oder ins Verderben stürzen wird.

Wir Menschen sollten nicht einfach dabei zuschauen, sondern eingreifen.

Gleichen, Juli 2026