Über die Neigung der Menschen zur allgemeinen Selbstüberschätzung

Aus der Wissenschaft-Serie der Zeit „Was wir nicht erklären können“

Einige Anmerkungen vorweg, bevor wir in das Thema einsteigen:
Am Freitag kam bei Ihren Kollegen von Das Politikteil die Frage auf, ob Olaf Scholz wirklich denke, dass er bei der nächsten Kanzlerwahl eine Chance habe, wiedergewählt zu werden. Die Expert*innen waren sich schnell einig, dass seine Chancen sehr schlecht stehen. Doch eine Kollegin stellte trocken fest, dass er in einer solchen Situation schlicht daran glauben muss, wenn er kandidiert. Ein von Selbstzweifeln geplagter Kandidat braucht sich gar nicht erst aufstellen zu lassen. Ein gutes Beispiel für Selbstüberschätzung? Höchstwahrscheinlich! Schon wieder ein Mann, typisch!

Über eine Kandidatur zum höchsten Amt des Landes werden sich die wenigsten unter uns Gedanken machen müssen. Doch im Alltag begegnen uns viele kleine und größere Herausforderungen: Familie, Beruf, Kindererziehung, Sport, Freizeit – alles Bereiche, die uns jeden Tag mehr oder weniger fordern und uns gelegentlich vor Probleme stellen, die unsere ganze Energie verlangen. Besonders in solchen Fällen ist es eher von Vorteil, wenn wir den Aufgaben mit Zuversicht – bis hin zur leichten Selbstüberschätzung – begegnen. Wer schon bei der ersten Hürde verzweifelt, hat kaum eine Chance, sie zu überwinden.

Nun zu den Ergebnissen der Umfrage zum Thema Selbstüberschätzung.
Zu Beginn wurde zwar erwähnt, dass neben dem Durchschnittswert auch der Median existiert, jedoch leider nicht weiter erläutert, dass dieser in vielen Bereichen – zum Beispiel beim Volkseinkommen – aussagekräftiger als der Durchschnitt sein kann. Wenn zum Beispiel in einem Land sehr wenige Menschen ein sehr hohes Einkommen haben, kann der Durchschnitt sehr hoch sein, obwohl viele Menschen ein sehr niedriges Einkommen haben. Der Durchschnitt ist leicht zu ermitteln, sagt aber nichts über die Verteilung aus.

Im Übrigen: Die Qualität der Fragen bestimmt die Qualität der Antworten. Was zeichnet den durchschnittlichen Autofahrer aus? Die Anzahl der unfallfreien Jahre? Die akribische Einhaltung aller Verkehrsregeln? Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf einer bestimmten Autobahnstrecke? Der einwandfreie Zustand der Karosserie? Das erfolgreiche Manövrieren in eine sehr enge Parklücke? Man könnte die Liste weiterführen. Die arithmetische Gewissheit, dass bei einem Ergebnis von 93 % der Befragten, die sich als überdurchschnittlich begabt einschätzen, irgendetwas nicht stimmen kann, sollte nicht voreilig zur wissenschaftlichen Gewissheit über das Ergebnis führen. Aus meiner Sicht ist nur eines gewiss: Die Frage ist unsinnig, und ihre Beantwortung führt zu keinem brauchbaren Ergebnis. Wer soll beurteilen, wie gut jemand Auto fahren kann? Die meisten Autokilometer werden allein und unfallfrei zurückgelegt. Da könnte die Zahl von 93 % sogar nah an der Realität liegen.

Vielleicht ist der Mensch, in seiner Komplexität, Widersprüchlichkeit, Vielseitigkeit, Unberechenbarkeit, Emotionalität, schlicht in seiner Menschlichkeit, statistisch nicht zu erfassen.