Rückwärtsgewandt

Zum Artikel von Matthias Krupa, Zeit Nr. 50, „Wo die Republik bröckelt“

Plussulien ist eine der 35.000 französischen „Communes“ (kleinste administrative Einheit) und zählt 500 Einwohner. Der Bürgermeister fühlt sich von der zentralen Regierung im Stich gelassen, die Interessen der Gemeinde werden vernachlässigt, die Kommunikation ist miserabel. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass der Austausch zwischen der zum Zentralismus neigenden französischen Administration und ihren 35.000 in ganz Frankreich zerstreuten Sprösslingen zu wünschen übrig lässt. 

Die Schulfrage hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die 24 Schüler sollen nun von einer einzigen Lehrerin unterrichtet werden, die zweite Lehrstelle wird gestrichen.

Hätten damals beide Dörfer auf eine eigene Schule bestanden, gäbe es heute vermutlich gar keine mehr.

Ich bin 1953 in einem Dorf im Süden der Charente geboren. Das Dorf zählte damals um die 600 Einwohner, überwiegend in der Landwirtschaft beschäftigt. Von 1952 bis 1959 teilte sich das Lehrer-Paar die 91 Schüler und Schülerinnen. Damals besuchten die meisten Kinder die Grundschule bis zum Hauptschulabschluss, das waren sieben Jahrgänge. 1959 wurde eine dritte Klasse, nachdem das Schulgebäude entsprechend erweitert wurde, eröffnet. Mitte der siebziger Jahre war die Anzahl der Schülerinnen und Schüler so dramatisch gesunken, dass eine Klasse abgeschafft wurde. Ende der Siebziger setzte sich der Trend fort, die zweite Klasse drohte ebenfalls gestrichen zu werden. Das Dorf ging aus Eigeninitiative eine Kooperation mit dem 4 Kilometer entfernten Nachbardorf ein. Beide Dörfer verzichteten jeweils auf ihre zweite Klasse und teilten sich die Jahrgänge beider Dörfer. Die „Kleinen“ gingen zum Dorf X, die „Großen“ zum Dorf Y zur Schule. Selbstverständlich waren weder alle Einwohner noch die Lehrkräfte von diesem Schritt begeistert, immerhin wurden „freiwillig“ zwei feste Lehrerstellen gestrichen.

Heute, 46 Jahre später, zählt mein Geburtsort noch 400 Einwohner. Die Schule existiert noch, vor einigen Jahren hat sie sogar neben der restlichen Klasse einen Kindergarten hinzubekommen, er soll ziemlich gut besucht sein.
Hätten damals beide Dörfer auf eine eigene Schule bestanden, gäbe es heute vermutlich gar keine mehr.

Gilles Thomas kämpft nach eigenen Angaben seit 30 Jahren um seine Schule. Woher sollen die Kinder kommen? Unser Dorf ist ebenfalls nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägt, keine Stadt in der Nähe, keine Industrie, kein Handel, nur kleine Handwerker. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass seine Schule ohne irgendwelche Kooperation oder Zusammenschlüsse nicht überleben wird. Wie denn auch.

Unser „Maire“ hat sich in der „Mairie“ eher selten blicken lassen

Schade, dass der Autor uns nicht verrät, wie es dazu kommt, dass sein Amt den Bürgermeister bis zu 40 Stunden wöchentlich beschäftigt. Den Schreibkram hat bei uns der Dorflehrer an zwei Vormittagen à 3 Stunden erledigt, donnerstags (damals schulfrei) und sonntags, von 9 bis 12 Uhr. Unser „Maire“ hat sich in der „Mairie“ eher selten blicken lassen, er kam, um die fertigen Dokumente zu unterschreiben, zu den Sitzungen des Conseil Municipal oder, wenn ein Paar heiraten wollte, um sein Amt auszuüben. Und sonntags natürlich, nach der Kirche. Anschließend ging es ins Bistro, zum Aperitif, Karten spielen…
Sicherlich war es der wichtigste Termin in der Woche, was den Informationsaustausch betrifft.

Das schwer benachteiligte Plussulien, 500 Einwohner, hat 6 Volksvertreter im Rat, jeder vertritt also, arithmetisch betrachtet, 83 Bewohner. Zum Vergleich: Villeurbanne (bei Lyon) zählt 170.000 Einwohner, der Rat besteht aus 55 Personen. Das ergibt eine Quote von über 3.000.

Wo der Autor meint ein Bröckeln der Demokratie zu erkennen, was oberflächlich betrachtet stimmen mag, sehe ich etwas Anderes:  Die „Maires“ agieren auf der Basis einer demokratischen Struktur, das stimmt schon. Leider kämpfen sie in erster Linie für sich. Typischerweise sagt Gilles Thomas nicht „Ich kämpfe für eine bessere Bildung im ländlichen Raum“, sondern „Ich kämpfe für unsere Schule, seitdem meine Kinder sie besucht haben“. So sieht es leider meistens aus. Man kämpft für ein Gemeinwohl, das an den Grenzen der eigenen Commune endet.

… alle Versuche, diese astronomische, völlig anachronistische Anzahl zu reduzieren…

Es ist wahrhaftig bemerkenswert, dass Frankreich immer noch fast 36.000 Communes zählt. Ein Kuriosum, weltweit. Im europäischen Vergleich z. B. zählt Deutschland 8.414 Kommunen, bei einer deutlich höheren Einwohnerzahl. Seit der Loi Marcellin in den siebziger Jahren sind alle Versuche, diese astronomische, völlig anachronistische Anzahl zu reduzieren, kläglich gescheitert. Inzwischen beschränkt man sich darauf, interkommunale Strukturen zu schaffen, die eine größere Anzahl von Communes zusammenzufassen. Die mächtige Association des Maires Ruraux de France (Einwohnerzahl < 3.500) wacht bisher bei jedem Vorhaben erfolgreich darüber, dass die Entscheidungskompetenz der Maires nicht beschnitten wird. Sie ist im europäischen Vergleich sehr, sehr weitreichend, die Maires haben viel Macht. Das erklärt sicherlich, warum die Amtsträger verbittert um ihre Erhaltung kämpfen. Es geht um Macht, Einfluss, Privilegien, Ansehen. Nicht selten sind, wie überall, die Mandatsträger wohlhabende, angesehene, mächtige Personen. Man denke nur an die skandalösen Vergaben der Entnahmegenehmigungen für Grundwasser an die Mineralwasser-Konzerne, an die absurden Proteste gegen Windräder…. Demokratie und Gemeinwohl sind nicht die Hauptanliegen der Communes. Diese Struktur zementiert eher die existierende Ordnung, sie sorgt leider in den seltensten Fällen für eine lebendige Demokratie.

Gleichen, Dezember 2024