Kommentar zum Podcast „ist das eine Blase?“

Mit großem Interesse verfolge ich den Podcast „Ist das eine Blase?“ seit ein paar Jahren. Die ModeratorInnen wählen aktuelle, spannende Themen, laden kompetente Gäste ein, insgesamt bieten sie eine unterhaltsame, informative Sendung. Dafür bin ich dankbar. Über Wirtschaft zu berichten ist nicht einfach, besonders in Deutschland nicht, ich bin allerdings nicht sicher, ob es in meiner „alten“ Heimat Frankreich wirklich anders ist. Wirtschaftliche Themen sind in aller Munde, besonders wenn es um Inflation, BIP, Wachstum und Rezession geht. Leider haben die allermeisten Menschen nur eine sehr grobe Vorstellung der Funktionsweise unserer Wirtschaft.

Ökonomie ist kompliziert und trocken

Die meisten Medien sind bei dem Thema nicht besonders hilfreich, die Politiker erst recht nicht. Ökonomie ist kompliziert und trocken, und die Vorbildung ist bei vielen Bürgerinnen und Bürgern schlicht nicht vorhanden, weil die Bildungsprogramme das undankbare Thema eher meiden. Das ist sehr schade, weil das Wirtschaftsleben unseres Landes alle betrifft, enorme Folgen hat und extrem wichtige Interessen berührt. Zum Glück ist neuerdings die Berichterstattung nicht mehr ausschließlich neoliberal geprägt, obwohl der Einfluss der neoliberalen Gedanken präsent bis dominant ist, unter Unternehmern, unter Politikern und Journalisten, wie sich bei den unsäglichen Diskussionen um die Schuldenbremse oder dem Schreckgespenst „Inflation“ zeigt.

Bei der letzten Sendung, es ging darum, ob deutsche Unternehmer an der Rezession selbst schuld sind, wurde deutlich, dass die AutorInnen die Wirtschaftspraktiken großer Konzerne und deren Folgen für Natur und Gesellschaftsordnung keineswegs in Frage stellen. Die Gastwahl ist zwar mit Ingo Speich auf den ersten Blick Verbraucher orientiert ausgefallen, besonders systemkritisch ist er aber auch nicht. Sicherlich ist es gut, wenn unabhängige Beobachter wie er „in die Zahlen der DAX-Unternehmen schauen“, und wenn Kleinaktionäre auf Vollversammlungen der Großkonzerne Gehör finden. Was sagen aber diese Zahlen denn überhaupt aus? Worauf wird bei den Versammlungen Wert gelegt? Letztlich geht es fast nur ums Geld, also darum, dass auch die Kleinaktionäre ein Stückchen von dem großen Kuchen abbekommen. Manchmal wird sogar die Unternehmensstrategie dafür kritisiert (Bayer/Monsanto), Geldverluste verursacht zu haben.

… höhere Gewinne für die Finanzierung notwendiger Innovationen zu benötigen

Obwohl die Sendung zaghaft kritisch über die deutsche Automobilindustrie berichtet hat, wurde beispielsweise nicht einmal erwähnt, dass besagte Industrie ausgerechnet in den letzten (Krisen-)Jahren hohe Gewinne erreicht hat. Auch nicht, dass die Autohersteller, die jahrelang den Schwerpunkt auf die Herstellung von Luxuskarossen – inklusive SUV – damit begründet haben, „höhere Gewinne für die Finanzierung notwendiger Innovationen zu benötigen“, völlig versagt haben. Wie weit es mit den innovativen Fahrzeugen der deutschen Automobilindustrie im Bereich der Elektrofahrzeuge her ist, können wir seit einigen Jahren nur bitter konstatieren. In Wahrheit haben die Vorstände, die mit absurd hohen Prämien vergütet wurden, und die Aktionäre davon profitiert und die Extra-Gewinne kassiert. Die Mitarbeiter, die Zulieferer, die Lieferanten und die Kunden sind ziemlich leer ausgegangen. Die SteuerzahlerInnen durften stillschweigend die Rechnung für die offenen und die versteckten Staatssubventionen begleichen.

Diese Zahlen verraten nichts über die wachsende Ungleichheit in der Verteilung des Wohlstands

Die heilige Börse spiegelt nicht einmal den wahren aktuellen Zustand der Wirtschaft wider. Wenn z. B. der Aktienkurs der DAX-Unternehmen hoch steht und die „Stimmung“ gut ist, ist die Situation noch lange nicht für alle gut. Sie ist in erster Linie für diejenigen gut, die Handel mit Fonds und anderen Finanzprodukten betreiben und für diejenigen, die Aktien besitzen, je mehr, umso besser. Es kann nicht sein, dass wir in Zeiten der Klimakrise, der nahenden Erschöpfung der Naturressourcen, den Erfolg unserer Wirtschaftsaktivität immer noch fast ausschließlich anhand von Indikatoren wie BIP, Wachstum, Gewinn, Aktienkurs usw. beurteilen. Diese Zahlen verraten nichts über die wachsende Ungleichheit in der Verteilung des Wohlstands und des Reichtums innerhalb nationaler Grenzen, geschweige denn weltweit. Sie lassen außerdem grundsätzlich außer Betracht, dass die Nutzung der Natur, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, der Allgemeinheit erhebliche Kosten verursacht. In der BIP-Rechnung kommen sie aber nicht vor. (s. https://wirsinddierobotervonmorgen.de/?s=dasgupta)

Das Ziel, dem Gemeinwohl zu dienen, geben Unternehmer gerne vor

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ taucht mittlerweile überall auf. Inzwischen kann sich keine Finanzgesellschaft mehr leisten, zumindest virtuell, nicht nachhaltig zu „operieren“. Die meisten nehmen die Begrifflichkeit ins Portfolio mit auf, auch die DEKA ist übrigens weit vorn dabei. Gleichzeitig räumen sie aber ein, dass es sehr schwer ist, ein Fonds zu finden, das nachweislich die üblichen Kriterien effektiver, praktizierter Nachhaltigkeit (Klimaschutz, Umwelt, Soziales, Unternehmensführung, Lieferketten…) zufriedenstellend erfüllt. Bei meiner neuerlichen Suche bei 9.656 Fonds wurden überhaupt elf Treffer angezeigt. Im Grunde bleibt fast alles beim Alten. Veränderungen sind zwar dringend nötig, aber…. Ich wünsche mir, dass wir die Wirtschaft ganz anders betrachten und zu bewerten lernen. Die wirtschaftliche Tätigkeit sollte sich auf ihren gesellschaftlichen Ursprung zurückbesinnen und wahrhaftig dem Gemeinwohl dienen. Das Ziel, dem Gemeinwohl zu dienen, geben Unternehmer gerne vor. Insbesondere mächtige Männer wie Bill Gates und Mark Zuckerberg möchten nichts weniger, als mit ihren Produkten die Welt besser machen. Google wollte in der Anfangsphase mit Kommerz nichts am Hut haben und lehnte kategorisch Werbeeinnahmen als Finanzierungsquelle ab. Was daraus wurde, wissen wir alle. Die Weltverbesserer haben zwar Produkte vermarktet, die massenhaft genutzt und geliebt werden. Ob die Welt dadurch wirklich besser wurde, steht aus meiner Sicht noch aus. Zumindest ist klar, dass der Klimawandel durch diese Produkte eher beschleunigt denn aufgehalten wurde.

…muss die Wirtschaft im Sinne einer Gemeinwohl-Ökonomie reformiert werden

Eins steht aber schon fest: Die Herren und deren Konzerne haben ein riesiges Vermögen angesammelt und eine Machtkonzentration erreicht, die alle Regierungen der Erde zittern lässt. Dem Gemeinwohl ist damit keineswegs gedient, im Gegenteil. Ich denke, dass die wirtschaftliche Aktivität, die Ökonomie, dringend anders bewertet werden müssen. Den Zahlen wie BIP, Wachstum, Inflationsraten wird viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Zeit für ein Umdenken ist reif. Die Menschen, die Natur müssen im Vordergrund stehen. Wollen wir die Klimakrise überwinden, die Ungleichheit des Reichtums weltweit verringern und in Frieden auf einem gesunden Planeten leben, muss die Wirtschaft im Sinne einer Gemeinwohl-Ökonomie reformiert werden. Es wird immer wieder ausgiebig darüber geklagt, dass eine große Kluft zwischen dem gesellschaftlichen „Konsens“ (Klima, Ungleichheit, Fachkräfte) und den politisch umsetzbaren Reformen besteht. Bedauerlicherweise wird die Meinung vertreten, dass wir die notwendigen (gesellschaftlich anerkannten) Veränderungen zum „Nulltarif“ (ohne spürbare, unangenehme Veränderungen) erreichen können. Kanzler Olaf Scholz tut sich in der Hinsicht besonders hervor. Das ist Unsinn.

Erhebliche Veränderungen sind dringend notwendig, und wir werden sie merken. Aber was ist daran so schlimm? Die Menschen mit niedrigem Einkommen müssen selbstverständlich unterstützt werden. Es gibt aber eine Menge positive Dinge jenseits des materiellen Wohlstands. Wir, die Menschen der reichen Länder, müssen nur umdenken, uns umgewöhnen. Ich denke, die „Zeit“, online und in Papier, vor allem ihre Mitarbeiterinnen, haben die nötige Kompetenz, die. Fähigkeit und die Autorität, um solche Gedanken zu verbreiten und unsere Fixierung auf die neoliberal geprägte Berichterstattung über wirtschaftliche Entwicklung zu beenden. Zumindest könnten sie ein Forum für andere Meinungen als Alternative zum Mainstream bieten. Das fände ich schön.