
Mehr oder minder regelmäßig lese ich die Samstagsausgabe der SZ. Im Wirtschaftsteil ist auf der Seite zwei immer ein Essay zu einem aktuellen Thema. Das ist meist eine interessante Lektüre, gern mal ein wenig provokativ, ich mag das. Oft fühle ich mich motiviert, etwas zu erwidern, was ich gern in Form eines Leserbriefs tue. So auch bei der Ausgabe 34 vom 10/11 Februar 2024.
Helmut Martin-Jung findet, dass die Energiewende nicht richtig vorangeht, dass „Deutschland sich im Klein-Klein verheddert“, und „…einen Weg aus der Schockstarre finden muss“. Er denkt, dass ein Großprojekt, eine Art „Mondlandung“ gut für das Land wäre. Meine Gedanken dazu:
Eine Mondlandung, das wäre es jetzt! Ein solches Jahrhundertprojekt würde die Gelegenheit bieten, alle zu motivieren oder gar zu begeistern, ein ehrgeiziges Ziel gemeinsam anzugehen, etwas Großes zu leisten. Der Autor stellt außergewöhnliche Überlegungen an. In der Tat fällt es den Regierungen sehr schwer, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, die Menschen, auch die eigenen Wählerinnen und Wähler, für die Bekämpfung der Klimakrise zu begeistern. Das ist noch gelinde ausgedrückt. Das Projekt Mondlandung war wahrlich sehr spektakulär. Die Rivalität zwischen den damaligen Machtblöcken, zwischen zwei Gesellschaftsmodellen, befeuerte den Enthusiasmus beider Seiten, im Westen wie im Osten, durch die jeweilige Ideologie angefacht. Antiimperialismus auf der einen, Antikommunismus auf der anderen Seite. Das Phänomen der Erderwärmung ist zwar ein mächtiger Gegner, aber ideologisch wird man schwer irgendetwas gegen ihn ausrichten können. Insofern ist der Vergleich schlecht. Sehr schlecht sogar. Die Mondlandung kann man zwar positiv bewerten, aber ihr Hauptantrieb war die Konkurrenz zum Feind; der Kapitalismus musste dem verhassten Kommunismus seine Überlegenheit beweisen. Ob eine solche Motivation wünschenswert ist? Nun soll der Kapitalismus zeigen, dass er die Klimakrise bezwingen kann. Wer soll der Gegner sein? Die Erde? Die Natur? Das Klima? Makabererweise hat Putin Deutschland mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine eine Riesenchance geboten, seine „Mondlandung“ zu erleben. Durch den plötzlichen Abbruch der Gaszufuhr aus Russland (der zwar nicht so schnell und vollständig war, wie die Medien es verbreitet haben) ergab sich die Gelegenheit einer massiven, positiven Mobilisierung zugunsten einer grünen Energiepolitik.
Wie toll es ist, durch eine Stadt ohne Autolärm zu spazieren
Die Regierung hätte eine starke Kampagne für das Sparen und die entschiedene Forcierung der Entwicklung der grünen Energieschöpfung, inklusive Speicherung und Transport, entfalten können. Peinlicherweise hat ausgerechnet ein grüner Minister das genaue Gegenteil getan und sich um die Fortführung der Gaslieferungen durch andere Länder bemüht. Damit hat er die deutsche Wirtschaft überzeugt, dass die Grünen durchaus in der Lage sind, genauso devot wie die anderen Parteien zu regieren und die Kapitalinteressen der großen Konzerne zu bewahren. Ein Erfolg für die Wirtschaft, eine verpasste Chance für das Klima. Die Bekämpfung der Klimakrise hat besonders in Deutschland ein negatives Image, sie wird gern mit Einschränkungen aller Art, Verzicht und Verboten assoziiert. Dafür haben insbesondere einige Medien und rechte Politiker dauerhaft gesorgt. Hingegen könnte man durchaus die positiven Aspekte einer guten Entwicklung betonen. Wie toll es ist, durch eine Stadt ohne Autolärm zu spazieren, wie schön der Wald ist, wenn die Bäume alle grün und gesund wachsen, diese unglaubliche Gelassenheit, wenn man nach der täglichen Radfahrt entspannt bei der Arbeit ankommt, welcher Genuss, wenn nach dem Essen das Hantieren mit Zahnstocher in den Zahnzwischenräumen wegfällt, weil man Gemüse gegessen hat. Die Werbeleute, die ständig mit neuen Ideen unter großem Aufwand die Vorzüge edler (völlig überflüssiger) Karossen um die Gunst potenzieller Käufer buhlen, wären selbstverständlich in der Lage, einem breiten Publikum mehr Engagement und Begeisterung zu entlocken. Aber das Gegenteil passiert. Der Bundeskanzler wird nicht müde zu wiederholen, dass wir keine Angst vor Veränderungen haben brauchen: Wir werden es ja gar nicht merken, wenn wir die Profis nur machen lassen. Eine fatale Botschaft. Auch wenn die nötigen Veränderungen nicht nur Verzicht sind, wird die Erreichung der eigens gesteckten Ziele Anstrengungen kosten. Für einige mehr als für andere. Wir werden hart kämpfen müssen. Aber für ein gutes Ergebnis lohnt es sich zu kämpfen. Das ist die Botschaft, die Regierungen senden müssten.