REISE NOTIZEN VOGESEN

Wir sind Sonntag früh losgefahren, naja, nicht so früh wie geplant, aber immerhin saßen wir schon um neun Uhr im Auto und sind nach Frankreich gereist. Diesmal ist es eigentlich nicht das Frankreich, das mein südfranzösisches Herz liebt, aber doch jenseits der Grenze, nach Longemer, in die Vogesen. Nach dem Tod meines Vaters wollen wir uns lieber die ewig lange Fahrt fast bis zum Atlantik ersparen. Solange ich in Frankreich lebte, waren die Vogesen für mich nicht wirklich Frankreich, sie liegen auch nördlich von der Loire. Ich habe mich mal im Urlaub als Jugendlicher mit zwei Mädchen aus Gérardmer angefreundet. Sie waren sehr nett, ein bisschen blass im Teint, sie haben mich eher an die Menschen aus Schweden oder Norwegen erinnert. Total nett, aber doch fremd, obwohl sie perfekt Französisch sprachen, eben mit leichtem nördlichen Klang. Später, als ich schon länger in Deutschland lebte, habe ich erst die Vogesen wirklich kennengelernt. Ich war mit meinem Freund Uwe mit dem Motorrad unterwegs, was heute verpönt ist, aber richtig Spaß gemacht hat. Die kurvigen, gut ausgebauten Bergstraßen sind geradezu ideal für zweirädrige Maschinen, und wir haben die wunderschönen Touren zu ruhigen Stunden morgens und abends genossen. Wir hatten einen kleinen Camping Municipal an einem See kurz hinter der Grenze entdeckt, es war wunderschön.

Grand Ballon, Petit Ballon, Col de la Schlucht, le Markstein

Dreißig Jahre später hatte ich das Motorrad gegen ein Rennrad getauscht und habe mit meinen Rennradfreunden die bekannten Berge des Radsports, Grand Ballon, Petit Ballon, Col de la Schlucht, le Markstein bei sonnigem Wetter erklommen, was ebenfalls viel Spaß gebracht hat. Nun sind wir zu den Vogesen aufgebrochen, zum Lac de Longemer. Es hat während der Fahrt durch Westdeutschland immer wieder so heftig geregnet, dass wir uns wie in der Autowaschanlage gefühlt haben und ungefähr so viel gesehen haben. Später haben wir erfahren, dass es Überschwemmungen in NRW gegeben hat. Und wir sind einfach durchgefahren. Unheimlich!

Schließlich kamen wir an. Von Überschwemmungen hier keine Spur! Von Sommertemperaturen aber auch nicht! In der Ferienwohnung zeigt das Thermometer 17 Grad an, das wird in den darauffolgenden Tagen noch weniger werden. Aber wir haben vorgesorgt und warme Kleidung mitgebracht, es soll bald wieder warm werden. Wir wollen wandern, die Fahrräder haben wir dabei, ich habe mein Mountainbike und Marion ihr Rennrad, sie will für das Volkstriathlon trainieren. Ich werde mich mit Spazierfahrten auf den Routen forestières begnügen. Am ersten Tag ist das nicht nur kälter als bei unseren letzten Herbstferien im Allgäu, es regnet. Wir erkunden die nähere Umgebung, Lac de Longemer und Lac de Gérardmer, mit dem Auto, manchmal wagen wir einen kleinen Spaziergang. Die Gegend ist schon sehr touristisch, die Ausmaße der Anlagen, insbesondere der Parkplätze, zeigen deutlich, dass sie auf große Menschenmengen eingestellt sind. Heute sind zwar noch keine zu sehen, aber sie werden bestimmt kommen.

Ich mag Super U, aus sentimentalen Gründen

Montag ist es immer noch kalt und regnerisch, wir müssen erst einmal die Versorgung sicherstellen. Wir haben Sonntag schon in Gérardmer ein Super U erblickt, da wollen wir hin. Ich mag Super U, aus sentimentalen Gründen. Ursprünglich war es eine Einkaufskooperative, die kleine Läden zusammenschloss, um bessere Einkaufsbedingungen zu erzielen. In den Hochzeiten zählte sie über 10.000 unabhängige Nachbarschaftsläden. In den Achtzigerjahren gründete die große Einkaufszentrale die ersten Hypermarchés. Von der sympathischen Gründungsidee, durch kooperatives Handeln bessere Bedingungen für den Einzelhandel zu schaffen, ist logischerweise nicht viel übrig geblieben. Montag kurz vor Mittag ist der Parkplatz vor Super U überraschend voll, so voll, dass wir Mühe haben, einen Platz zu ergattern. Nun wissen wir, wo sich die Touristen verstecken. Im Hypermarché! Einkaufen ist für viele Franzosen nicht einfach Nahrungsmittelbeschaffung, wie es in Deutschland üblich ist. Nein, nein, der Einkauf gleicht eher einem Familienausflug. Alle sind dabei, nicht selten stehen vier Leute vor einem Regal und beraten, welches Produkt von welcher Marke gekauft werden soll. Alle geben ihren Senf dazu. In Gérardmer sind die Gänge im Super U schmal, schnell verstopft, es gibt Engpässe und Staus, aber keiner ist genervt oder schimpft, die Käuferinnen und Käufer sind geduldig und rücksichtsvoll miteinander, von der Stimmung können deutsche Touristen wirklich lernen.

Unser Programm fällt heute sehr schmal aus. Nach einem kleinen Einkaufsbummel in Gérardmer (ich wollte angesichts der Temperaturen meine Icebreaker-Ausstattung erweitern, aber keine Chance: Der Outdoor-Laden hat nur noch Kindergrößen. Wir umrunden den Lac de Longemer zwischen zwei Regenschauern. Morgen soll es ja besser werden…

Nach der Geröll-Passage kam der Aufstieg

Wir haben uns wie immer gleich nach der Ankunft mit Kartenmaterial und Wanderführer versorgt. Marion hat eine vielversprechende Wanderung ausfindig gemacht. Er soll ziemlich alpin zugehen, mit Abgründen und vielen Stellen, die mit Handlauf ausgestattet sind. Gleich zu Beginn geht es ziemlich steil und steinig abwärts, durch Felsen und Steingeröll, ein ziemlich heftiger Abstieg. Als ich am Vorabend die Beschreibung las, dachte ich, naja, hört sich nach ein paar Metern an, sie übertreiben gern mal. Weit verfehlt! Wir sind eine gute Stunde durch den „Sentier des Rocs“ mehr geklettert als gelaufen. Nach 20 Minuten kamen Metallstufen, senkrecht am Fels befestigt. Erst dachte ich, jetzt können wir umdrehen, wir kriegen Minu gar nicht darunter. Aber Marion ging vorsichtig vor Minu und ich hinter ihr, sie hat die vier Meter ziemlich mühelos heruntergeschafft! Was für eine Erleichterung! Nach der Geröll-Passage kam der Aufstieg, irgendwann war der Gipfel erreicht, nachdem wir unsere Mittagspause bei einer wunderschönen Auberge auf einer Alm in 1.000 Metern Höhe genossen haben. Trotz der bescheidenen Wetterbedingungen war richtig viel los auf der Tour, die Auberge war voll, viele hatten offenbar kein Proviant dabei und haben sich dort versorgen lassen. Für uns waren der Kaffee und die Holzbank im Freien absolut willkommen. Danach mussten wir ungefähr eine halbe Stunde steigen, nicht mehr im Geröll, um eine traumhafte Aussicht zu erblicken. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie plötzlich die „Belohnung“ nach dem Anstieg kommt. Ich habe zwischendurch das Gefühl, es will gar nicht aufhören, aufwärts zu schreiten (gehen). Dann hört es doch auf einmal auf, und ein gigantisches Panorama öffnet sich vor unseren Augen. Irre. Ich bin kein begeisterter Wanderer, aber das finde ich klasse. Wir haben gleich bei der ersten Wanderung eine Spitzentour erwischt, das wird schwer werden, sie zu toppen. Bei dem Familienwanderführer, den wir gekauft haben, wird sie als Spitzenwanderung mit alpinen Zügen bezeichnet, wir können es bestätigen.

Aber Wandern ist nicht der ganze Urlaub!

Aber Wandern ist nicht der ganze Urlaub! Wir haben auch Fahrräder mit, sie wollen bewegt werden. Marion hat gleich am ersten Rennrad-Tag angefangen, Höhenmeter zu sammeln und ist zum Col de la Schlucht gefahren. Mir haben eine Runde um den See und ein paar Kilometer auf den Nebenstraßen gereicht. Am nächsten Tag, Donnerstag, ist wieder Wandern dran. Wir sind einer Empfehlung von Komoot zum Lac de Blanchemer gefolgt, etwas über 10 km mit knapp 600 Höhenmetern, für uns genau richtig. Sie ist nicht so alpin wie die erste, aber oben am Rothenbachkopf kann man ein 360-Grad-Panorama betrachten, absolut fantastisch, zumal die Sicht recht passabel ist. Wandern ist für uns nicht selbstverständlich, aber langsam kommen wir rein und können es genießen. Minu ist manchmal dabei etwas anstrengend, weil sie zu ungeduldig und zu neugierig ist, aber im Grunde ist es ganz toll, mit Hund zu wandern, und wir genießen es.

Im Wald ist der Empfang kapriziös

Freitag ist wieder Sporttag. Marion hat sich eine kleine Bergtour für den Vormittag ausgesucht, ich will nachmittags die routes forestières des nahe gelegenen Waldes mit dem Mountainbike erkunden. Vormittags beim Hundespaziergang sammle ich Pilze, die wir abends beim Apéro genüsslich verspeisen werden. Ich habe tatsächlich Cèpes de Bordeaux gefunden (das hat die Apothekerin bestätigt), und sie schmecken wirklich wie in meiner Kindheit! Ein Traum! Ich habe gleich nach der Ankunft am Sonntag beim Spaziergang eine Stelle mit ganz jungen Exemplaren entdeckt. Ich habe den Ort inzwischen mehrmals aufgesucht und immer Pilze gefunden, die ich sorgfältig vom Wurzelwerk mit dem Messer abgetrennt habe. Meine MTB-Tour verläuft nicht so rund wie Marions mit dem Rennrad. Ich habe die Navigation auf Komoot eingerichtet, Kopfhörer mitgenommen und denke, das läuft wie geschmiert wie bei der „Tour des Amis“ vor vier Jahren. Weit verfehlt! Im Wald ist der Empfang kapriziös, und das Fahren auf Waldwegen verlangt mehr Aufmerksamkeit als eine Straßenfahrt. So kann es schnell passieren, dass man einen Abzweig übersieht und einfach weiterfährt. Gerade wenn es schnell abwärts geht, geradezu verlockend. Als ich den Abmahnungen der Navigationsstimme Beachtung schenke, bin ich schon einige Kilometer vom Weg abgekommen. Das hat Spaß gemacht, ein paar Kilometer abwärts, die ich selbstverständlich wieder hochfahren muss. Ich plane eine neue Route und lasse mich weiter von Komoot leiten. Einige Steigungen sind so heftig, dass ich absteigen muss. Zu allem Überfluss zeigt die Batterie meines Handys nur noch 20 % an, also ist Sparmodus angesagt. Hätte ich doch eine Karte mitgenommen! Langsam komme ich doch wieder in Tritt und fahre trotzig die steinigen Wege wieder hoch, erreiche irgendwann wieder bekanntes Terrain. Das Akku hält sogar doch locker die knapp anderthalb Stunden, die ich nach Hause benötige.

Es gibt immer wieder Gewitter, es regnet oft, und wir passen unsere Unternehmungen der Wetterlage an. Die Gegend ist wirklich schön und birgt sehr unterschiedliche Landschaften. Auch hier gibt es moorige Gebiete, viele Seen, die man aus der Höhe bewundern kann, nachdem wir 30 bis 45 Minuten geklettert sind. Wunderschön!

Die Schneekanonen waren zu sehen

Aber insgesamt hat der Tourismus etwas geschafft, was im Harz nicht erreicht wurde. Unsere Vermieter sagen, dass immer Saison ist. Im Winter wird Ski gefahren, sowohl alpin als auch Langlauf, es gibt zahlreiche Pisten, sogar eine Springschanze und kleine Rodelbahnen. Im Sommer wird gewandert und Fahrrad gefahren. Rennrad ist hier aufgrund der sportlichen Geschichte sehr populär, es gibt unheimlich viele Rennradfahrerinnen hier, die Straßen sind gut ausgebaut, haben manchmal am Rand einen kleinen Streifen, aber viele sind auf kleinen Straßen unterwegs, und die Autofahrer scheinen darauf zu achten. Xonrupt-Longemer (1.500 Einwohner), wo wir unsere Unterkunft haben, zählt acht Campingplätze, Gérardmer vier. Gestern sind wir zum Lac de la Lande gewandert. Die Wanderung startet bei einer Skistation, die mit Liften, Rodelbahnen und allen möglichen Vorrichtungen ausgestattet ist. Die Schneekanonen waren zu sehen, der Sessellift war in Betrieb, er hat Mountainbiker nach oben befördert. Der Wanderweg kreuzt immer wieder absolut atemberaubende MTB-Trails, die sehr beeindruckend waren, einmal vermutlich Vater und Sohn, der sicherlich nicht älter als 12 ist. Wir haben viele Jungs gesehen, die offensichtlich in der Lage sind, solche Strecken zu fahren.

Es geht weiter mit schönen Wanderungen und Radtouren. Ich werde die Stelle finden, wo ich den Abzweig verpasst habe, und einen anderen Wald mit seinen routes forestières entdecken. Wir werden weiterhin abends Apero unter der Pergola in der Abendsonne genießen und oft draußen zu Abend essen, wie es sich während der sommerlichen Ferien gehört. Insgesamt ein sehr gelungener Urlaub, wir überlegen, wann wir wiederkommen wollen.