Magische Weihnacht

Weihnachten 1

Neulich hat mir meine Schwester ein altes Bild geschickt. Das Bild kenne ich aus unserem Familienalbum. Das müßte etwas über sechzig Jahre alt sein. Es zeigt sechzehn Kinder, die zwischen zwei und dreizehn Jahre alt sind. Sie haben mehr oder minder leuchtende Augen, sehen etwas verträumt aus, im Hintergrund kann man noch einen Kamin und die Spitze eines spärlich dekorierten Weihnachtsbaumes erkennen. Das Bild wurde im Wohnzimmer meiner Oma mütterlicherseits, vermutlich von meinem Lieblingsonkel, aufgenommen. Alle damaligen Enkelkinder sind auf dem Bild. Das Wohnzimmer, ein ziemlich ungemütlicher, sehr lang gezogener Saal, war ganz besonderen Anlässen vorbehalten. Weihnachten bei Oma war für alle Familienmitglieder Pflicht. Für uns Kinder war es schlicht magisch. Meine Oma bestand darauf, dass all ihre Kinder samt Familie zum Mittagessen kamen. Zu dem Zeitpunkt der Aufnahme waren es schon 30 Personen, später kamen noch vier Kinder dazu. Das Essen war immer köstlich. Einige Töchter meiner Oma brachten selbst zubereitete Gerichte: einige Vorspeisen und das Dessert. Das Hauptgericht bereitete Oma selbst, in ihrer Küche, dazu gehörten oft „Croquettes“ die absolut köstlich und heiß begehrt waren. Meine Mutter, die älteste der vier Töchter, durfte immer das Dessert.– ihre legendäre Bûche de Noel – mitbringen.

Deswegen war bei uns zuhause die Küche schon Tags davor im Aufruhr. Ein Biskuit-Teig musste zubereitet werden, meine Mutter bastelte zu diesem Zweck mindestens drei rechteckige Formen aus Backpapier. Die fertigen Backteile wurden, einen Tag später, mit Buttercreme oder Chantilly bestrichen, manchmal auch mit Johannisbeergelee, anschließend zu einer „Bûche“ (Holzscheit) zusammengerollt. Die entstandene Rolle musste dann mit verschiedenen Crème-Sorten – Buttercreme und Chantilly – die zu kunstvollen Mustern gespritzt wurden, dekoriert werden. Obwohl meine Mutter extrem geschickt die sehr anspruchsvolle Aufgabe meisterte und von der ganzen Familie immer wieder hoch gelobt wurde, war sie diese Tage sehr aufgeregt und leicht gereizt. Der Transport (wir fuhren die zwölf Kilometer mit dem Auto) war eine delikate Angelegenheit, mein Vater, der gern schnittig fuhr, wurde angehalten, seine Fahrweise zu mäßigen. Aber vor dem Essen kam für uns Kinder das Beste: Die Geschenke wurden verteilt. Um eine Geschenkorgie und Ungleichheiten zu vermeiden wurde die Regel aufgestellt, dass nur der Patenonkel und die Patentante, (die oft ein Paar waren), jeweils nur das eigene Patenkind beschenken durften. Ich hatte Glück. Mein Patenonkel war sehr großzügig. Als ich klein war, lebte er zwar in Afrika, in der Elfenbeinküste, aber meistens schaffte er es zu kommen. Ein Geschenk gab es in jedem Fall. Er schickte unserer Familie meistens schon Anfang Dezember ein Paket mit Datteln, Ananas, Orangen, exotischen Früchten, allerlei Köstlichkeiten, die zu der Zeit in Frankreich, trotz Kolonialgeschichte, alles andere als selbstverständlich waren. Es war immer ein Fest, wenn ein Paket ankam. Nicht selten waren die Pakete beschädigt oder ein Teil des Inhalts verdorben, dennoch war die Freude sehr groß. Am Weihnachtsbaum bei Oma war die Freude noch größer, ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich von seinem Überraschungsgeschenk enttäuscht wurde. Zuhause war es anders. Meine Eltern, obwohl sie beide Pädagogen waren und es also hätten besser wissen sollen, haben gern Weihnachten als Anlass zur Belohnung oder eben zur Bestrafung missbraucht. Das führte dazu, dass ich daheim immer ein wenig Angst vor Weihnachten hatte. Ich wusste eben nicht so genau, was mich erwartete. Bei Oma dagegen war ich gelöst, zuversichtlich und voller Vorfreude, weil ich wusste, dass ich keine bösen Überraschungen zu erwarten hatte. Nach dem Auspacken fingen wir schon zu spielen an, schauten natürlich neugierig, was die Cousins und Cousinen bekommen hatten und mussten mehrmals zu Tisch gerufen werden.

Nach dem köstlichen Essen, das sich gern drei Stunden oder noch länger hinzog, führten einige Onkel kleine Kunststücke vor. Mein Patenonkel war natürlich immer dabei, seine Spezialität waren die Zaubertricks, er brachte immer eine ganze Ausrüstung mit. Andere sangen oder spielten lustige Szenen zu zweit. Es war ein großer Spaß und alle hörten gespannt zu, obwohl die Versuchung, mit den Geschenken weiterzuspielen, schon sehr groß war. Nach dem Essen spielten die Männer Karten, während die Frauen den Abwasch in der „alten“ Küche machten. Die alte Küche war sehr geräumig, viel größer als die neue, da ging es sehr laut und angeregt zu. Die sieben Frauen führten während der routinierten Arbeitsabläufe lebhafte, laute Gespräche, sie mussten ja die Geschirr-Geräusche übertönen. Manche Männer hauten die Karte leidenschaftlich auf den Tisch, nebenbei nutzte man den Anlass, um Neuigkeiten auszutauschen. Unser Großvater saß gemütlich in seinem Sessel und rauchte genüsslich eine „Royale filtre“, was er sonst nicht durfte. (Da sie jahrelang einen Lebensmittelladen im Dorf betrieben hatten, waren meine Großeltern immer bestens mit Informationen und Tratsch versorgt. Jetzt im Ruhestand waren sie doch einsam geworden und dieses Familientreffen. war ein willkommener Anlass, die Vergangenheit ein wenig zurückzuholen.)

Während die Erwachsenen ihren Aktivitäten lebhaft nachgingen, nutzten die Kinder die nachlassende Aufmerksamkeit um überall zu spielen und die neuen Geschenke auszuprobieren. Im Haus von Oma war viel Platz: ein Hof, ein Schuppen, zu einer ganzen Längsseite offen, der mit einer Schaukel ausgestattet war, eine riesige Scheune, die auch als Weinkeller diente. Das Haus selbst hatte zwei Küchen und einen großen Saal, wir verteilten uns einfach überallhin, je nach Spielweise und Bedarf. Die Zeit verging in Windeseile und bald wurde es dunkel, die „Bordelais“ wollten die Rückfahrt antreten. Die größte Familie, mit sechs Kindern, lebte in Bordeaux. Es gab damals keine Autobahn und die routes nationales waren an einem Weihnachtstag in Großstadtnähe hoffnungslos verstopft. Bald fuhr die Familie schon los, nachdem die achtköpfige Familie samt Geschenke erfolgreich in den Citroên ID-Kombi verfrachtet worden war. Mir wurde ein wenig schwer ums Herz, die Familien aus Limoges und aus Angoulême machten sich auch allmählich auf den Weg. Wir hatten eine kurze Anfahrt und fuhren meistens als Letzte ab. Dann waren aber auch wir dran, wir sammelten unsere Schätze ein und stiegen ins Auto. Ich als Jüngster musste immer hinten in der Mitte sitzen, während meine Schwester und mein Bruder außen sitzen durften. Heute war mir das egal, ich schwebte noch auf der Weihnachtswolke.