
KI 2041 ist ein hochinteressantes Buchprojekt. Es geht um die künstliche Intelligenz, kurz „KI“ genannt. Es entstand als Zusammenarbeit von Kai-Fu Lee, eines absoluten Kenners des Internets und der KI, der zahlreiche Publikationen zum Thema veröffentlichte, und von Qiufan Chen, eines bekannten und preisgekrönten Science Fiction-Autors. Es ist der Versuch, anhand von spannenden Erzählungen aufzuzeigen, welche Folgen die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz in knapp zwanzig Jahren (2041) für unseren Alltag haben wird. Nach jeder Erzählung wird der gegenwärtige Stand der Entwicklung erläutert, welche Tendenzen erkennbar sind und es wird die Prognose, die in der Geschichte dargelegt wird, erklärt und begründet.
Es geht selbstverständlich „nur“ um Prognosen. Allerdings ist Kai-Fu Lee, der als Führungskraft für die Giganten der IT SGI, Microsoft, Apple und Google gearbeitet hat, bestens vernetzt und mit dem aktuellen Entwicklungsstand in den unterschiedlichsten Bereichen vertraut. Ich habe ziemlich genau vor drei Jahren den Text geschrieben, nach dem ich meinen Blog genannt habe: „Wir sind die Roboter von morgen“. Darin ging es auch um die KI, und was sie mit uns Menschen macht.
Ich hatte mich, glaube ich, gut über den damaligen Stand informiert. In drei Jahren ist wahrhaftig eine Menge passiert. Teilweise erschreckend viel passiert und offensichtlich eine Menge Geld in Bereiche geflossen, die von einer Besorgnis erregenden Orientierung zeugen. Die US-Army steckt beispielsweise viel Geld in VirtualReality-Systeme: Die Soldaten werden mit VR-Helmen ausgestattet, dadurch wird eine absolut realistische Kriegssituation simuliert, mit dem Zweck, die Rekruten in Kämpfe einer täuschend ähnlichen Front-Atmosphäre zu versetzen.
Ich finde es wahrhaftig unglaublich, wie naiv hochintelligente Menschen sein können
Noch schlimmer finde ich die inzwischen sehr raffinierten Kamikaze-Drohnen, die auf ein konkretes Ziel programmiert werden, dieses ansteuern und vernichten. Einmal gestartet, können sie nicht mehr gestoppt werden. Selbstverständlich sollten ausschließlich militärische Ziele zerstört werden. Die Autoren sehen es als einen großen Fortschritt an, wenn statt Menschen Roboter gegeneinander kämpfen. Kriegerische Auseinandersetzungen werden in Zukunft idealerweise nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen ausgetragen werden. Am Ende werden die Punkte gezählt und der Gewinner ermittelt.
Ich finde es wahrhaftig unglaublich, wie naiv hochintelligente Menschen sein können. Die Science Fiction-Literatur setzt gern Figuren in Szene, die stellvertretend für ein ganzes Volk heldenhafte, Schwindel erregende Kämpfe gegeneinander austragen. Etwa wie die Ritter im Mittelalter um die Gunst der hübschen Edeldame mit dem Seidentuch kämpften?
Ohne mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet zu sein, fürchte ich sicher sagen zu können, dass es – sollte es in zwanzig noch kriegerische Auseinandersetzungen geben – dabei genauso wie heute darum gehen wird, die Zivilbevölkerung zu ängstigen, zu terrorisieren, zu vertreiben, ja zu vernichten. Putin täuscht gerade edle Ziele vor, wie „Entnazifizierung“ und Ähnliches. Welches seine wahren Ziele sind, können wir im westlichen Fernsehen jeden Tag ziemlich genau verfolgen. Es gibt zwar Regeln, internationale Vereinbarungen, die bemüht sind, den Ablauf kriegerischer Auseinandersetzungen „humaner“ zu gestalten, Kriegsverbrechen zu definieren und zu verbieten. Aber wer hält sich daran? –
Bei der Lösung dieses Problems wird die KI keine Hilfe sein, fürchte ich. Theoretisch hätte Russland einen Kämpfer in den Ring steigen lassen können, der gegen einen Ukrainer (Klitschko?) kämpft. Sollte sich irgendwann die Menschheit von der Vernunft leiten lassen, nur dann würde es einfach keine Kriege mehr geben.
Man wird große Anstrengungen aufbringen, um die sozialen Folgen erträglich zu gestalten
Im Buch werden weitere, wichtige Themen behandelt: Mobilität, Arbeit, Gesundheit, vorgetäuschte Realität (Fake Videos) , erweiterte Realität (AR), Energiegewinnung, Produktionsweise, Sprache, Arbeit, Glück – alle Lebensbereiche werden unter die KI-Lupe genommen, und die LeserInnen lernen die für das Jahr 2041prognostizierte Realität unter KI-Einfluss kennen. Der Autor, der für den Inhalt verantwortlich zeichnet, ist von seinem Entwurf sichtlich begeistert. Er erkennt zwar einige Gefahren und Risiken, aber er blickt optimistisch und extrem zuversichtlich in eine automatisierte Zukunftswelt. Überfluss herrscht in allen erdenklichen Bereichen. Die Energie, die ausschließlich regenerativ erzeugt wird, ist praktisch umsonst. Lebensmittel werden nach individuellem Bedarf synthetisch entweder natur-identisch oder nach beliebigen kreativen Bedürfnissen hergestellt. ‚Verticalfarming‘ ist überall verbreitet und alle Menschen werden mit frischem Gemüse versorgt. Industrielle Güter, Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung, Unterhaltungsprodukte zur Deckung der Grundbedürfnisse werden allen Menschen quasi kostenlos zur Verfügung gestellt. Die industrielle Produktion, die Landwirtschaft, alle Routine-Arbeiten werden von KI-gesteuerten Robotern erledigt. Vierzig Prozent der Arbeitsplätze verschwinden, weil die Arbeiten ebenfalls von Robotern erledigt werden.
Man wird große Anstrengungen aufbringen, um die sozialen Folgen erträglich zu gestalten. Auch die Mobilität wird revolutioniert: Carsharing-Systeme von autonom fahrenden Fahrzeugen inklusive Drohnen werden uns ermöglichen, jederzeit dank App-Buchung unser Wunschziel zu erreichen, selbstverständlich extrem günstig. Entgegen vieler Experten-Prognosen wird autonomes Fahren schon 2041 im Alltag selbstverständlich. Der Autor räumt ein, dass die Infrastruktur des Verkehrsnetzes und seine Ausstattung grundlegend umgestellt werden müssten und schlägt z. B. mehrstöckige Verkehrswege in den Städten vor, damit Personen und Fahrzeuge verschiedene Ebenen nutzen und nicht kollidieren können. Auch die technischen und die rechtlichen Aspekte hinsichtlich der Gefährdung von Menschenleben sollen geklärt werden.
Es wird eine Welt beschrieben, in der die Grundbedürfnisse aller Menschen gedeckt sind. Dafür wird eine Art bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt. Großenteils wird es von den superreichen Menschen und Konzernen finanziert. Das Finanz- und das Geldsystem werden von Grund auf reformiert, die Grundbedürfnisse aller Erdmenschen werden befriedigt, aber nicht unbedingt mit Geld wie im heutigen Zahlungsmodus beglichen. KI-Systeme werden unsere ständigen Begleiter sein, in allen Bereichen, beruflich und privat, über Smartphone, Brille, Kopfhörer, oder in anderer Form, z. B. als Roboter, sie werden uns unterstützen und helfen unser Leben zu optimieren.
Befreit von den heute lästigen notwendigen Aufwendungen zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse wird die größte Sorge der Menschen sein, Eigenglück und Verwirklichung zu vollenden
Wir kennen diese Tendenz heute schon, im Fitness- und Sportbereich ist sie weit verbreitet. Es gibt schon zahlreiche Apps, die durch allerlei Messungen und die Überwachung einiger Körperfunktionen uns über unseren Gesundheitszustand unterrichten. Wenn solche Apps die ‚ deep learning‘-Technik verwenden können, werden sie zweifellos einen noch viel fundierteren, größeren (gut gemeinten) Einfluss auf die Individuen nehmen.
Befreit von den heute lästigen notwendigen Aufwendungen zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse wird die größte Sorge der Menschen sein, Eigenglück und Verwirklichung zu vollenden. Auch dabei wird die KI eine wichtige Rolle spielen. Wenn man bedenkt, dass dieses Ziel schon 2041 erreicht werden soll, andererseits die aktuelle Weltlage und die existenziellen Probleme vieler Menschen betrachtet sowie das Voranschreiten der Naturzerstörung, dann fällt es sehr schwer, einen solchen Entwurf mit einer halbwegs realistischen Vorstellung in Verbindung zu setzen.
Der Autor sieht durchaus Gefahren und Probleme in sozialer, politischer, menschlicher, technischer Hinsicht. Er erkennt sogar die Notwendigkeit, unsere Ökonomie, unser politisches und Werte-System zu revolutionieren, wenn wir die skizzierten Ziele erreichen wollen. Er bemüht sich, Folgeprobleme zu erkennen (Verlust von 40 % aller Arbeitsplätze, Knappheit fruchtbarer Böden und anderer Naturressourcen, etc..) und beschreibt durchaus Lösungsansätze. Er verkennt allerdings, dass derlei Veränderungen, die das Leben der Menschen auf den Kopf stellen würde, einfach sehr viel Zeit brauchen, auch unter optimalen Bedingungen sicherlich mehrere Menschengenerationen. Für die Wohlhabenden der fortschrittlichen Industrieländer wäre das Ziel vielleicht in erreichbarer Nähe. Für die große Mehrheit der Menschen aber, insbesondere für diejenigen, die jetzt täglich mit dem Hunger zu kämpfen haben, liegt diese „goldene Zukunft“ in weiter Ferne.
Die Geschichten sind teilweise märchenhaft, angenehm zu lesen. Quifan Chen gelingt es hervorragend, uns in die phantastische Zukunftswelt mitzunehmen. Trotz der vorgegebenen Rahmenbedingungen (Thematik, Stand der technischen Entwicklung) wirken die Erzählungen nicht künstlich. Die ausführlichen Analysen dagegen sind oft zu lang und etwas krampfhaft.
Insgesamt ein wohl gemeinter, unverbesserlich optimistischer Lebensentwurf, der sich vom digitalen Technologie-Fortschritt die Rettung der Menschheit und der Erde verspricht.
Eine alte Idee im neuen, unterhaltsamen Gewand.
Gleichen, Dezember 2022