Reflexionen über Goldregen

Kritische Gedanken zum Essay von Max Scharnigg „Goldregen, später“

Süddeutsche Zeitung Nr. 77, Ostern 2021

Wer hat nie davon geträumt, mehr Geld zu haben, vielleicht sogar Millionär zu sein? In meiner früheren Heimat Frankreich hat ein beliebter Sänger, Enrico Macias, mit seinem berühmten Chanson „les millionnaires du dimanche“1967 einen Nerv getroffen und eine Realität sehr treffend beschrieben. Jeden Sonntagvormittag gingen in den fünfziger, sechziger Jahren viele Männer aus einfachen Verhältnissen in die Bar, um eine Pferdewette bei der PMU-Stelle abzuschließen. (PMU ist der größte Wetten-Anbieter Frankreichs, der 2019 über 9 Milliarden Umsatz realisiert hat.)  Beim Tiercé (1954 erfunden, die ersten drei Pferde in der richtige Reihenfolge sollen genannt werden) ging es um kleine Summen. Um Betrug auszuschließen, durfte ein Spieler maximal 60 Francs setzen, um die Anzahl der gesetzten Kombinationen zu begrenzen.

blieb ihnen der ganze Tag Zeit, um von den Millionen zu träumen

Gleichzeitig genehmigte man sich „un petit coup“, also einen Café, einen ‚petit blanc‘, einen ‚petit rouge‘ oder  einen Pastis, plauderte mit den Freunden und Bekannten, und setzte beim Tiercé. – Es gab jeden Sonntag ein ausgewähltes Rennen, das im Fernsehen am Nachmittag übertragen wurde. Nachdem die Spieler beim Gläschen mit Freunden gesetzt hatten, blieb ihnen der ganze Tag Zeit, um von den Millionen zu träumen, die sich natürlich am Abend bei der Rennen-Übertragung  in Luft auflösten.

Ein relativ harmloses Spiel also

Wetten auf Gegenseitigkeit, ganz einfach: Wegen der großen Popularität des Spiels (durch die Einführung des Tiercé wurden die Wettsummen innerhalb von 6 Jahren vervierfacht, in den weiteren 20 Jahren noch mal auf 2.300 Millionen verzehnfacht) und der Fernseh-Übertragung, warfen ganz viele Männer eine relativ kleine Summe Geld in den Topf, mit ganz viel Glück bekamen die Gewinner eine große Summe heraus. Je weniger Gewinner, umso größer die Summe, wobei die Chance, eine Million zu gewinnen, gleich null war. Nur durch Betrug ist es sehr selten gelungen, solche Gewinne zu erreichen und das ist bald aufgeflogen.

Das Spiel hat natürlich vor allem Verlierer erzeugt, der Schaden hielt sich aber in Grenzen, weil die eingesetzten Summen, die zwar vielleicht eine sinnvollere Verwendung hätten finden können, doch sehr klein waren. Die Regelmäßigkeit der Ausgabe war wahrscheinlich im Endeffekt gravierender. Der Staat aber kassierte immer fleißig mit, und zwar bei jeder Wette:  9% wurden an Steuern erhoben, der Staat  gehört also eindeutig zu den Gewinnern. Ein relativ harmloses Spiel also, das die Staatskassen auch noch füllte und füllt.

aber aus verschiedenen  Gründen eine berechtigte Angst spüren, finanziell immer bescheidener leben zu müssen

Der Autor Max Scharnigg stellt fest, dass auch im 21. Jahrhundert immer mehr Menschen, bis in die Mittelschicht hinein, berechtigterweise davon träumen, über mehr Geld zu verfügen. Irgendwie wäre es gut, mehr Geld zu haben. Eine Eigentumswohnung in der Stadt? Ein Haus auf dem Land?   Ein kleines Stück Land in den Bergen? Ihm geht es aber nicht um die Leute,  die „Tiercé“, spielten, die ziemlich weit unten standen, also am Ende eines jeden Monats hoffen mussten, dass keine unerwartete Ausgabe sie überraschte, sondern mehr um die Leute, die bisher eher ein komfortables Leben hatten, aber aus verschiedenen  Gründen eine berechtigte Angst spüren, finanziell immer bescheidener leben zu müssen, auch weil sie kein Erbe in Aussicht haben.

In der Tat zeigt es die ökonomische Entwicklung der letzten Jahre sehr deutlich: Die Mittelschicht wird immer schmaler, ihre  Kaufkraft schwindet zusehends, und immer mehr Menschen aus der unteren Mitte drohen weiter nach unten auf der Einkommensskala zu rutschen. – Da wäre in der Tat ein Goldregen magischer Herkunft bei vielen Menschen willkommen. 

Immer wieder wird im Wirtschaftsteil deutscher Zeitungen darüber geklagt, dass die Deutschen Aktienmuffel seien

Jetzt ist es vielleicht noch gerade für diese Leute der richtige Zeitpunkt, solange sie noch die Mittel dazu haben, sich auf ein „neues“ Spiel einzulassen. Das Spiel der Geldvermehrung! Dafür benötigt man welches, das ist schon mal eine wichtige Voraussetzung. Diese Spielart war lange ziemlich exklusiv und Leuten vorbehalten, die über ein sogenanntes Depot bei einem Finanzinstitut verfügen, und darüber mit Wertpapieren handeln können. Immer wieder wird im Wirtschaftsteil deutscher Zeitungen darüber geklagt, dass die Deutschen Aktienmuffel seien. In der Tat wird in anderen Ländern (Holland, Norwegen, Schweiz, Großbritannien z. B.) von einer viel größeren Anzahl von Personen (viermal so  viel) mit Aktien gehandelt.

Irgendwie macht mir dieser Umstand die Deutschen sympathisch. Ihnen wird oft vorgeworfen, eine irrationale Angst vor dieser Art Handel zu haben. Der Chart der Börsenentwicklung der letzten 20 Jahre etwa weist beispielsweise für den Dax-Index, von einigen kurzen Tiefs abgesehen, eine stetig ansteigende  Kurve auf. Insofern stimmt es ja: Hätten mehr Leute gewagt, ihr Geld in „solide“ Anlagen zu investieren, wäre das Vermögen der deutschen Bevölkerung insgesamt gewachsen, da haben die Wirtschaftsjournalisten recht.

Andere wiederum befürchten, dass viele nur zocken wollen

Nun wird es durch die Öffnung der Finanzmärkte für den Online-Handel unheimlich leicht und unkompliziert, mit Wertpapieren zu handeln. Diese „Liberalisierung“ wird von einigen als großer Sieg der Digitalisierung und als Demokratisierung gefeiert.

Andere wiederum  wie Harald Freyberger in der SZ vom 31. Januar befürchten, dass viele nur zocken wollen und sich von der immer größer werdenden Gemeinde der gut vernetzten Hobbyanleger zu abenteuerlichen Handlungen verleiten lassen (s. Börsenkasino in meinem Blog).

Max Scharnigg empfindet eine gewisse Sympathie für die neuen Zocker, die neulich die Gamestop-Aktie nach oben schießen ließen, gegen die Spekulation einiger Hedgefonds. Er spricht  sogar von einer „Umverteilung“ (von Reichtum? Von Vermögen? Von Macht?).

Was allerdings  die Börsenprofis treiben, ist durchaus verwerflich, auch wenn sie wie Georges Soros vergöttert werden, weil sie unglaubliche Renditen realisierten und es sogar schafften, die Bank of England Anfang der neunziger Jahre in die Knie zu zwingen und nötigten, eine Abwertung der Landeswährung zu veranlassen.

Bei dem Spiel stehen Zahlen, Kurse, Performance, Währungen im Vordergrund. Es geht um Geld, es geht um Profit, um Spekulation. Das hört sich zunächst ziemlich „sachlich-wirtschaftlich“ an. Aber wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Ich habe mit den Börsenprofis und deren Auftraggebern, die meistens über sehr viel Geld verfügen, wenig Mitleid. Die Kleinanleger sind mir schon näher, irgendwie kann ich Max Scharnigg verstehen, dass er Freude empfindet, wenn er von dem Coup der Sozial-Media-Plattform Reddit berichtet.

andererseits steigen die Kurse der führenden Unternehmen ins Unermessliche. Eine völlig absurde Situation!

Schaut man allerdings hinter die Bühne, auf der diese Spiele stattfinden, ist die Freude von kurzer Dauer. Diese Zahlen, Kurse, Performances, sind Indikatoren einer wirtschaftlichen Aktivität, zumindest sollten sie das sein. Betrachtet man die stetige Kurssteigerung der letzten 12 Monate, ist man natürlich geneigt, das zu vergessen, keine Frage. Ständig hört und liest man von der stark gefährdeten deutschen Wirtschaft einerseits, andererseits steigen die Kurse der führenden Unternehmen ins Unermessliche. Eine völlig absurde Situation!

Die Kurse sollten zweifelsohne die Realität der ökonomischen Situation widerspiegeln. Das tun sie nicht. Sie sollten außerdem nicht die Menschen vergessen lassen, die im Zusammenhang mit den Unternehmen stehen, die hinter den Zahlen versteckt sind. Ein „Reibach“ an der Börse ist nie harmlos und steht in Verbindung mit mehr oder minder böser Spekulation. Die wahren Verlierer sind an der Börse nicht sichtbar. Trotzdem klebt an der vermeintlich sauberen Dax-Aktie von VW nicht nur der Ruß vom Dieselskandal, sondern auch das  Blut von den unterdrückten Uiguren und von den verprügelten DemonstrantInnen aus Hongkong – es wird den erhofften Goldregen bitter versauern.