Weihnachten, Erwachen

Nach meinem erfolgreich abgeschlossenen Studium kam ich Anfang November 1978 nach Göttingen. Es war eine gewaltige Umstellung für mich. Unabhängigkeit aber keine Kohle, neue Sprache, neue Leute, neue Umgebung. Viele Ideen und Träume im Kopf, von einer anderen, besseren, gerechteren, Gesellschaft gegen die Profit- und Geldgier im Wirtschaftsleben. Ich wollte meinen Beitrag dazu leisten. Aber so weit war ich noch nicht.

Dann kam Weihnachten

Ich musste erstmal Deutsch lernen, ich konnte ja kein Wort. Bald durfte ich täglich sechs Stunden einen Intensivkurs, der die ausländischen Bewerber auf die Studium-Zulassung der Uni Göttingen vorbereitete, besuchen. Der Kurs lief schon seit sechs Wochen, die anderen waren mir meilenweit voraus, ich verstand am Anfang fast nichts, das war extrem hart und ich war ziemlich verzweifelt. Zum Glück konnte ich Spanisch. Ich lernte A. L. kennen, eine liebenswerte, temperamentvolle Spanierin, die auch Französisch konnte. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Ihr Freund W., ein ruhiger, ein wenig langweiliger Lehramt-Student, gab uns fast jeden Tag Nachhilfe und ich machte schnelle Fortschritte, bald hatte ich meinen Rückstand im Kurs eingeholt. Dafür hatte ich mich mächtig ins Zeug gelegt und bald konnte ich A. L., die sich mit der deutschen Sprache sehr schwer tat, Nachhilfe geben, was für mich natürlich eine tolle Gelegenheit war, meine Kenntnisse zu festigen. Dann kam Weihnachten. Meine Freundin hatte eine Zweck-WG für mich aufgetan, eine Romanistin, eine Theologin und ein Germanist und der Hund Kellef, ein freundlicher wuscheliger Hütehund. Alle wollten natürlich Weihnachten zu ihren jeweiligen Familien fahren, meine war weit weg, ich hatte kein Geld und sollte in der Wohnung alleine bleiben. Eine Mitbewohnerin meiner Freundin (sie wohnte mit zwei Romanistinnen zusammen) war der Meinung, dass meine Freundin mich doch nicht allein in der Fremde über Weihnachten lassen konnte und überredete sie, mich zu ihrer Familien mitzunehmen. Das passte meiner Freundin gar nicht in den Kram, zumal sie vorhatte, ihren Ex zu besuchen. Der wusste glaube noch nicht so richtig, dass er nur noch Ex war. Meine Freundin wusste es zu dem Zeitpunkt glaube ich auch noch nicht so richtig, sie hatte bislang von einer Affäre mit einem Franzosen erzählt.

Mein erstes Weihnachten in Deutschland war also eine ziemliche Pleite

Die Familie empfing mich zwar freundlich, war aber sichtlich verlegen und zurückhaltend, ich fühlte mich deplatziert, zumal ich mich weder gut artikulieren noch alles Gesprochene verstehen konnte. Sprache war für mich bisher extrem wichtig gewesen, in meiner Clique wurde sie als Erkennungszeichen benutzt, streckenweise zelebriert. Plötzlich stand ich in einem fremden Land völlig nackt da und verstand Bahnhof. Bitter! Damit es nicht zu peinlich am Weihnachtsbaum wurde, hatte die Mutter freundlicherweise noch schnell ein Geschenk für mich besorgt. Ich wunderte mich darüber, dass Vater und Sohn am Heiligabend zum Gottesdienst in die Marktkirche gingen, meine Eltern waren überzeugte Laizisten. Irgendwie habe ich die drei Tage überlebt, aber ich war erleichtert, als ich, allein zwar, im Zug Richtung Göttingen saß.

Mein erstes Weihnachten in Deutschland war also eine ziemliche Pleite, ein Bruch, zumindest in meinem Bewusstsein, in Frankreich hatte ich noch nicht verschärft darüber nachgedacht, was genau passiert, obwohl mir natürlich bewusst war, dass die Familie zusammen kommen musste, sonst wäre meine Mutter untröstlich gewesen. Sonst bin ich wahrscheinlich etwas gedankenlos auf der magischen Welle meiner Kindheit weiter geritten, ohne sie besonders zu hinterfragen. Es sollten aber weitere kommen. Darauf wollten wir besser vorbereitet sein. Da wir grundsätzlich den merkantilistischen Aspekt dieser (religiösen!) Feierlichkeiten stark kritisierten, aber andererseits nicht mit leeren Händen unsere Familien besuchen wollten gingen wir dazu über, vor Weihnachten Bastelwochen zu veranstalten.

wir gingen dazu über, „Kleinigkeiten“ zu kaufen

Auch ohne Internet konnte man erfahren, wie man Bienenwachs-Kerzen herstellt, Kerzen gießt, kunstvolle Bilder mit schwimmender Farbe gestaltet, diverse Arten von Kalendern gestaltet. Das machte sich einfach gut, sich damit brüsten zu können, dass man nicht einfach in den nächsten Laden gelaufen war, um irgendwelche sowieso nutzlose Waren zu kaufen, sondern stundenlang an seine Liebsten bei den Fleißaufgaben gedacht hatte. Irgendwann hielt sich die Begeisterung der Beschenkten in Grenzen, die Ideen gingen aus, man hatte doch nicht so viel Zeit, wir gingen dazu über, „Kleinigkeiten“ zu kaufen. Dadurch wuchs die Sammlung unbeliebter Gegenstände in unseren Haushalten erheblich. Nach dem Tod meiner Mutter unternahm ich den Versuch, auf das Geschenk-Ritual zu verzichten.

Wir sahen uns nur noch ein, maximal zweimal im Jahr, unter solchen Bedingungen ist es doch besonders schwer zu wissen, welche Alltagsgegenstände man gut gebrauchen kann. Mein Vorschlag wurde abgeschmettert, aber wir einigten uns darauf, uns auf Essbares zu beschränken. Eine sehr französische Lösung, aber ich konnte irgendwie damit leben. Aber der Geschenk-Austausch war nur der ritualisierte Ausdruck der wahnsinnig hohen, völlig unrealistischen Erwartungen, die auch in einer völlig unreligiösen Familie mit dem Fest verbunden waren. Betrachtet man die Situation der Beteiligten nüchtern, stellt man fest, dass für die Lehrer (alle Eltern und Geschwister nebst Anhang außer mir) mit Weihnachten ein stressiges Semester zu Ende ging, ich hatte meistens eine lange (1.400 km) Fahrt hinter mir.

Auch das ist ein religiöser Brauch

Alle wären froh gewesen, einfach in Ruhe gelassen zu werden und still ihren Gedanken nachzuhängen. Aber nichts dergleichen. Wenn wir schon so selten zusammen kommen, müssen wir wenigstens einen los machen: Wer macht die Austern auf? Wer brät die Ente? Wer geht morgen zum Markt Coquillages holen? Was essen wir Heiligabend? Machen wir „Réveillon“? Es gibt in Frankreich diesen unsäglichen Brauch am 24 und am 31 Dezember, ein Mitternachtsmahl zu veranstalten.

Auch das ist ein religiöser Brauch, früher wurde am Heiligabend nach der Mitternachtsmesse gespeist. In der Familie legte kein Mensch Wert darauf, die meisten fanden es sogar schon aus ernährungstechnischen Gründen äußerst ungesund, zumal es teilweise schwer verdauliche Speisen gab. Dennoch war es irgendwie nicht möglich, zur üblichen, gesünderen Uhrzeit zu essen. Weihnachten ist ja etwas Besonderes, „il faut marquer le coup“. Also fangen wir um 22.00 Uhr mit Essen an, nachdem man sich beim Apéritif mit Nüssen und anderen Knabbereien vollgestopft hat. Schade eigentlich, wenn es ganz leckere Speisen gibt, und man quasi schon satt ist.

Dieses Jahr feiern wir Weihnachten wieder zu Hause.