
Die Tour de France ist vorbei. Ende! 2020: Die erste Tour in Zeiten von Corona. Das muss für die im Peloton übrig gebliebenen Fahrer (in den drei Wochen scheidet gefühlt ein Drittel aller Fahrer aus, aus verschiedenen Gründen, meistens als Folge von Stürzen – die teilweise lebensgefährlich werden können – aber auch wegen Formschwäche) ganz schön komisch gewesen sein, vor gespenstischer Kulisse, fast ohne Zuschauer, auf den Champs Elysées um den Sieg zu sprinten.
Trotzdem, ich mag die Tour de France
Normalerweise herrscht am letzten Tag der Tour in Paris Ausnahmezustand. Dieses Jahr irgendwie auch – bei der Übertragung waren viele Polizisten zu sehen, alle zehn Meter einer. Sie sollten die Leute davon abhalten, sich zu sammeln und die Abstandsregeln zu missachten. Ganz schön komisch, aber wahrscheinlich richtig, denn die Franzosen sind bezüglich der Abstandsregeln nicht besonders diszipliniert.
Trotzdem, ich mag die Tour de France. Diese Zuneigung wurde mir wahrscheinlich in die Wiege gelegt. Ich bin in Frankreich aufgewachsen. Da kann man die Tour nicht ignorieren. Absolut unmöglich. Ich habe noch Bilder von einem Onkel im Kopf, der drei Wochen lang mit seinem „Transistor“ (ein tragbares Radio) am Ohr – es war in den Sechziger Jahren – nachmittags herumgelaufen ist, um die lebhaften bis leicht hysterischen Berichte der Radiokommentatoren der Tour zu verfolgen. Er konnte sich ungemein dafür begeistern, und die Namen „Bobet, Anquetil, Poulidor“ klangen irgendwie magisch, wenn er sie aussprach.
Ich liebe diese Landschaftsbilder
Jetzt hat sogar die ARD wieder darüber berichtet. Ich weiß nicht, wie die Berichte waren. Ich gucke lieber Eurosport. Ich zeichne die Live-Übertragung im Rekorder auf, ich hocke doch nicht nachmittags vor der Glotze, wenn die Sonne scheint, um die Tour zu verfolgen. Ich setze mich lieber aufs Rennrad und drehe selbst eine Runde. Abends schaue ich mir die Aufnahmen an, überspringe die allgegenwärtige und lästige Werbung und mache mir eine eigene Zusammenfassung. Ich liebe diese Landschaftsbilder und bin immer wieder beeindruckt, wie viel Mühe und wie viel Liebe die Menschen entlang der Route aufbringen, um kreative, außergewöhnliche Kompositionen zu schaffen, die nur einige Sekunden im Fernsehen zu sehen sein werden, wenn überhaupt. Wahnsinn!
Aber mit Doping im Radsport hat die ARD ein Problem
Von der ARD habe ich nur ein Podcast, eine Zusammenfassung der diesjährigen Tour, gehört. Die ARD kann nicht über Radsport berichten, ohne Doping zu erwähnen. Nicht etwa aus aktuellem Anlass: Seit fünf Jahren ist bei der Tour keiner wegen Doping aufgeflogen. Nein, einfach so, ganz allgemein. Vielleicht gehört es zum Bildungsauftrag der Rundfunkanstalt. Um es klarzustellen: Die Einrichtung der öffentlich- rechtlichen Berichterstattung finde ich großartig, wirklich. Mit Begeisterung höre ich „Coronavirus Update“ oder „180°, Geschichten gegen den Hass“ von NDR Info zum Beispiel. Klasse finde ich, dass Deutschland eine solche Struktur unterhält.
Für mich als Zuschauer ist es egal, ob die Fahrer die Auffahrt zum Mont Ventoux mit 20 km/h ohne Hilfsmittel oder mit 22 km/h mit Hilfsmitteln bewältigen
Aber mit Doping im Radsport hat die ARD ein Problem. Sie boykottierte sogar mehrere Jahre die Übertragung der „Tour“, aus Protest gegen diverse Dopingskandale. Wen sie damit bestrafen wollte, weiß ich nicht. Die UCI? Die ASO? Die Fahrer? Die Teamchefs? Die Zuschauer? Ich als Zuschauer konnte die Strafe gut verkraften. Ich gucke die Tour sowieso lieber auf Eurosport. Dieses Jahr hat Jens Voigt mit kommentiert. Er ist 16 mal bei der Tour gestartet und man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. Er tut es gern, ist immer noch vom Radsport begeistert und kann sehr unterhaltsam darüber berichten. Das finde ich toll. Ich muss nicht ständig daran erinnert werden, dass Doping im Radsport eine lange Tradition hat. Ich weiß es selber. Schon Jacques Anquetil, ein Tour-Herd der Sechziger Jahre, sagte in einem Fernseh-Interview: „Glauben Sie ernsthaft, dass man solche Leistungen mit Mineralwasser bringen kann?“ Damals blieb es folgenlos, er sprach von Stärkungsmitteln, die er unter ärztlicher Aufsicht einnahm. Doping brauchen Sportler nicht, das wirkt nur kurzfristig, so Anquetil, 1964. Tja, was soll man 2020 dazu sagen?
Für mich als Zuschauer ist es egal, ob die Fahrer die Auffahrt zum Mont Ventoux mit 20 km/h ohne Hilfsmittel oder mit 22 km/h mit Hilfsmitteln bewältigen. Das spielt doch keine Rolle. Natürlich ist es blöd, wenn immer derselbe gewinnt, so wie Lance Armstrong z. B. Den mochte irgendwie keiner. Aber er wurde bewundert, keine Frage. Er war auch ein großartiger Fahrer, trotz allem. Sein Mitfahrer Tyler Hamilton weist uns in seinem Buch darauf hin, dass Doping vor allem ermöglicht, viel härter zu trainieren, um schneller fahren zu können. Und das haben die beiden ohne Frage getan. Oft hört sich das so an, als ob man nur zu dopen braucht, sich ansonsten schön auf das Sofa legen und geduldig die Tour abwarten kann. So ein Quatsch! Auch sie haben sich gequält, das steht außer Zweifel.
Die Profi-Fahrer müssen bei jedem Rennen fit sein und gute Ergebnisse liefern
Ich habe Verständnis für die Fahrer, die sich stärken. Wenn man sich einen durchschnittlichen Rennkalender anschaut, also das, was die Fahrer im Jahr absolvieren (lt Jens Vogt 35.000 km, davon 10.000 Rennkilometer), kann man eine Vorstellung davon bekommen, was es bedeutet. Allerdings nur, wenn man selbst ein wenig fährt und erlebt hat, so kaputt, müde und „fertig“ zu sein, dass man am liebsten das Fahrrad gleich in den Graben schmeißen würde.
Die Profi-Fahrer müssen bei jedem Rennen fit sein und gute Ergebnisse liefern. Für das Team, für die Sponsoren, für die Medien. Ich vermisse bei der Haltung der ARD eine selbstkritische Komponente. Der Sieger Jan Ulrich wurde 1997 in den Himmel gelobt. Als die Erfolge in den folgenden Jahren ausblieben, wurde er nur noch als Versager betrachtet. Wer wundert sich dann darüber, dass einer zur Spritze greift? Die Medien sind hungrig nach Helden. Armstrong hat eigentlich genau die richtige Antwort gegeben und das geliefert, was die Medien, ARD inklusive, verlangen: Der Mann, der den Krebs besiegt und die Tour schon sechsmal gewonnen hat, noch nie gesehen! Ich habe es noch im Ohr! Damals unterschied sich die Berichterstattung der ARD in keiner Weise von den anderen Medien.
Aber letztendlich hat er genau den Helden geliefert, den viele sehen wollten
Armstrong hat sich gewissermaßen wissenschaftlich auf seine Aufgabe vorbereitet. Die anderen Fahrer haben ihm damals schon vorgeworfen, sich ausschließlich auf die Tour de France zu konzentrieren und die anderen Rennen zu vernachlässigen. Dadurch hatte er schon den Vorteil, seine „Form“ optimal auf die Tour abstimmen zu können und den Strapazen und Risiken der anderen Rennen aus dem Weg zu gehen. Er wusste vermutlich auch, dass er ohne Stärkung diese Seriensiege nicht würde einfahren können. Aber letztendlich hat er genau den Helden geliefert, den viele sehen wollten.
Helden sind ein strukturelles Problem: genauso, wie Profit dauernd maximiert werden muss, müssen die Athleten immer schneller, weiter, höher…. Helden werden mithilfe der Medien aufgebaut und dienen den Sponsoren, den Quoten, den Werbeeinnahmen etc.
Zweifellos hat der Profi-Radsport ein Doping-Problem und man soll darüber berichten
2020 wollten alle Egan Bernal, den überraschenden Vorjahressieger, als neuen Helden triumphieren sehen. Nach ein paar Tagen merkte man aber schon, dass Bernal dieses Jahr nicht die Form hatte, die ein Sieger braucht. Dann hat man sich irgendwie mit Roglic abgefunden: er war stark, sein Team auch, und bis zum vorletzten Tag sah es schwer nach einem Sieg für ihn aus. Dann kam Pogacar aus dem Nichts, gewann das Bergzeitfahren mit so viel Vorsprung, dass er auch die Gesamtwertung kassierte. Nebenbei sprangen das gepunktete Trikot der Bergwertung und das weiße Trikot der Jungwertung auch noch heraus. Sein Team war nicht besonders in Erscheinung getreten, sie landete auf dem neunten Platz bei der Teamwertung, also gerade mal unter den Top Ten.
Er hat es also mehr oder minder alleine geschafft. Unheimlich, oder?
1988 wurden von den acht Finalteilnehmern des 100 Meter-Laufs sechs des Dopings überführt
Aber zurück zur ARD: Zweifellos hat der Profi-Radsport ein Doping-Problem und man soll darüber berichten. Doping im Leistungssport ist leider eine relativ normale Begleiterscheinung. Man kennt nur Sieger, nur Sieger werden geehrt und bleiben in Erinnerung. Wer kennt den sechsten der Tour de France 1977? Wieso der sechste, welche Rolle spielt das? Jeder kennt ihn aber: Eddy Merckx, der legendäre belgische Fahrer, der Anfang der Siebziger Jahre die Radsport-Szene dominierte. Mich stört einfach, dass die ARD die Athleten (wenn überhaupt), in jedem Fall die Radprofis, in den Vordergrund rücken, statt darüber zu berichten, dass Doping ein strukturelles Problem des Leistungssports ist und nicht nur des Radsports: 1988 wurden von den acht Finalteilnehmern des 100 Meter-Laufs sechs (75% !) des Dopings überführt. Neun der aktuell zehn schnellsten Sprinter der Welt wurden im Laufe ihrer Karriere wegen Dopings angeklagt oder überführt. Hier geht es nicht nur um Verdächtigungen. Ben Johnson und Steve Mullings wurden beide lebenslang gesperrt, fünf weitere für Monate oder Jahre. Doping, ein Radsport-Problem? Ich wüsste nicht, dass die ARD sich irgendwann geweigert hat, Leichtathletik wegen der Dopingfälle zu übertragen.
Die Statistik ist übrigens eindeutig und zeigt, dass im Hobby-Bereich am meisten gedopt wird.