BUCHKRITIK DIDIER ERIBON

Didier Eribon, „Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple“ 

Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple“ – so der Originaltitel eines Werks von Didier Eribon (D E), dem französischen Philosophen, der in Frankreich seit dem Erscheinen seines Buchs Retour à Reims gut bekannt ist. Er stammt aus dem Arbeitermilieu und wurde 1953 geboren.

Beide Werke enthalten philosophische Gedanken, sind aber autobiografische Erzählungen und keine Abhandlungen philosophischer Natur. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Entstehung beider Bücher jeweils durch den Tod eines Elternteils hervorgerufen wurde: erst des Vaters, dann der Mutter.

Beide Werke offenbaren, dass seine Verbindung zum Elternhaus zumindest streckenweise extrem lückenhaft gewesen sein muss. Insbesondere das Altern der Mutter und die damit verbundenen körperlichen und geistigen Einschränkungen haben ihn sehr überrascht und völlig unvorbereitet getroffen. Er hat nicht nur sehr spät realisiert, dass die Mutter alt wird, sondern vor allem übersehen, dass das Altern unangenehme Folgen für die Angehörigen hat – nämlich, dass sie in der Regel in irgendeiner Weise für Pflege sorgen müssen.

Die intellektuelle Elite – und die Gesellschaft im Allgemeinen – hatten andere Prioritäten.

Das hat mich ein wenig an die französische Erfolgsautorin Fred Vargas erinnert, die nach einer dreißigjährigen, erfolgreichen Karriere als Krimi-Autorin plötzlich die katastrophalen Folgen der Klimaveränderung entdeckt und ein flammendes Plädoyer für ein radikales Engagement gegen den Klimawandel und die Rettung unseres Planeten verfasst hat. D E, eher zurückhaltend, verfasst – im Gegensatz zu Fred Vargas – kein Manifest, aber man fragt sich doch, in welcher Welt er die letzten Jahre gelebt hat. Ich kann mich des Verdachts kaum erwehren, dass die französische intellektuelle Elite (zu der die beiden zweifellos gehören) etwas abgehoben von der alltäglichen Realität und den Sorgen vieler Menschen lebt.

Selbstverständlich ist es sehr lobenswert, wenn prominente Schriftsteller in ihren Werken gesellschaftliche Missstände anprangern und bekannt machen – ich freue mich darüber.

Über Femizide durch eifersüchtige Ehemänner, schlechte Patientenversorgung in manchen Krankenhäusern, Unterversorgung bis hin zur Misshandlung von Senioren in einigen EHPAD kann man nicht zu viel berichten. Darum können wir dankbar sein, wenn es namhafte Autoren tun.

Beide sind empört über gravierende Verschlechterungen in der gesellschaftlichen Entwicklung – sowohl im klimatischen als auch im gesundheitlichen Bereich. Sie fragen sich: Wie konnten wir es so weit kommen lassen? Die Tatsache, dass sie sich über die dramatischen Verschlimmerungen wundern, liefert ironischerweise eine Erklärung für die missliche Lage: Die intellektuelle Elite – und die Gesellschaft im Allgemeinen – hatten andere Prioritäten.

Die Gestaltung eines individuellen Programms ist nicht mehr möglich.

D E zeichnet ein sehr düsteres Bild seiner Erfahrungen mit Altenheimen, in Frankreich elegant als EHPAD (Établissement d’hébergement pour personnes âgées dépendantes – Einrichtung zur Unterbringung pflegebedürftiger älterer Menschen), umschrieben. Der plötzliche, ungewollte Umzug in eine Senioreneinrichtung kann durchaus traumatische Folgen haben: die radikale Verkleinerung des Lebensraums, die strenge Regulierung des Tagesablaufs – Aufstehen, Essen, Freizeitgestaltung, Körperpflege etc. bis ins Detail – stellen für die meisten Bewohner eine brutale Herausforderung dar. Die Gestaltung eines individuellen Programms ist nicht mehr möglich.

Es gibt Menschen – mein Vater zum Beispiel –, der vierzehn Jahre, im Alter von 88 bis 102 , in einem EHPAD in Südwestfrankreich gelebt hat, die diese Veränderung als Erleichterung, gar als Befreiung erleben. Sein Lebensraum, der aus einem geräumigen Einfamilienhaus mit Garten und Holzwerkstatt bestand, ist urplötzlich auf ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer geschrumpft. Er war aber froh darüber: Kochen, Gartenarbeit, Waschen, Putzen … gehörten nun der Vergangenheit an. La vie est belle, sagte er dann.

Im Übrigen unterscheidet sich die „Fremdbestimmung“ im Altenheim nicht wesentlich von anderen gemeinschaftlichen Unterbringungsformen. Ich habe sechs Jahre im Schulinternat und ein Jahr beim Militär in Frankreich verbracht. Irgendwie kann man es nicht vergleichen – andererseits doch. Im jungen Alter ist man viel anpassungsfähiger, kein Zweifel. Aber freiwillig geht niemand ins Internat, die wenigsten zum Militär. Wenn sie funktionieren soll, muss eine Gemeinschaftseinrichtung Regeln aufstellen, die den individuellen Spielraum stark einschränken. Der Preis für die benötigte Pflege und Betreuung ist der Eingriff in die Privatsphäre und die mehr oder minder drastische Fremdbestimmung des Alltags.

Im Grunde ist er vor der Familie und deren reaktionärem Umfeld nach Paris geflüchtet, um akzeptable Lebensverhältnisse genießen zu können.

Wenn der Schock über den Tod einmal überwunden ist, versucht D E, die Geschichte der Familie zu rekonstruieren. Er skizziert die Biografie seiner Mutter, eines Waisenkinds, das eine schwere Kindheit erlebte, zu jung anfing zu arbeiten, keine gute Bildung genoss, lange als Putzfrau arbeitete, bis sie eine Stelle in der Glasfabrik ergattern konnte – wo sie allerdings Knochenarbeit für wenig Geld verrichten musste. Erinnerungen werden wach, sicherlich hat D E vieles verdrängt. Die Familienverhältnisse waren nicht gerade rosig: Entfremdung vom Vater, häufige Wutanfälle der Mutter, offen ausgesprochener Rassismus, Homophobie, Dauerberieselung durch Radio und Fernsehen. Auch zu seinen Brüdern hatte er offenbar nie ein herzliches Verhältnis. Im Grunde ist er vor der Familie und deren reaktionärem Umfeld nach Paris geflüchtet, um akzeptable Lebensverhältnisse genießen zu können.

Schließlich lässt er einige Werke Revue passieren – insbesondere La vieillesse von Simone de Beauvoir, die sich mit dem Altwerden und seiner sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung auseinandersetzt. Auch Simone de Beauvoir hat irgendwann – allerdings schon 1970, also mit 62 Jahren (DE hat etwas länger gebraucht) – die sozialpolitische Brisanz des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Alter in der kapitalistischen Gesellschaft erkannt. Sie hat sich nicht nur mit der gegenwärtigen Praxis befasst, sondern das Phänomen historisch gründlich untersucht. Im Ergebnis wird (in Westeuropa) eine soziale Gruppe ausgemacht, die schwer zu fassen ist, weder Fürsprecher noch Organisation hat, deren Not und bedrohliche Lage dringend öffentlich gemacht werden müssen.

Bei den pflegebedürftigen alten Menschen handelt es sich um eine Gruppe, die sich weder organisieren noch artikulieren kann. Umso wichtiger ist es, dass Journalisten, Autoren und öffentliche Personen zu deren Fürsprechern werden. D E hat es getan.