TALKSHOW IM ÖFFENTLICHEN FERNSEHEN

Stefan Schirmer freut sich in der „Zeit“, Ausgabe 36, über zu erwartende Neuerungen bei den Öffentlich-Rechtlichen, insbesondere bezüglich der Polit-Talkshows. Da kann man sich nur mit ihm freuen, das Format hat es ja bitter nötig. Was er allerdings als „Sternstunde“ einer Polit-Talkshow bei Anne Will feiert, macht mich sehr nachdenklich. Es geht um die Sendung kurz vor dem Überfall auf die Ukraine, Sarah Wagenknecht war zu Gast und behauptete, dass Putin nie und nimmer einen Krieg führen würde. Diese resolute Behauptung sollte sich nur vier Tage später als grobe Fehleinschätzung erweisen. Das soll als „Sternstunde“ verkauft werden? Ich denke, das zeigt eher, wir tief der Himmel dieser Art von Journalismus hängt. Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Anne Will im typisch strengen, gewichtigen Tonfall Sarah Wagenknecht drängt: Na, und Sie, Frau Wagenknecht, was meinen Sie, wird Putin so verrückt sein und seine Armee über die Grenze schicken? Alle Menschen, die es wirklich wissen wollten, wussten, dass Putin sich eine andere Weltordnung wünscht. Dass er jetzt bereit war, diese Weltordnung durch einen Krieg zu verändern, haben sehr wenige Personen gewusst, andere haben es sicherlich geahnt. Dass Sarah Wagenknecht nicht zu diesem Personenkreis gehört, überrascht uns nicht besonders. Eine Expertin im militärisch-strategischen Bereich ist sie nicht gerade. Was hätte sie denn sonst sagen sollen? Sie hat eine politische Meinung geäußert und schlicht gesagt, was alle hören wollten. Nämlich dass es in Europa nicht zum Krieg kommen wird. Schließlich hatte Europa den realen, existierenden Krieg bereits acht Jahre erfolgreich verdrängt. 

Diese dort Aussage entspricht ihrem Hang zum Populismus. Die allermeisten haben die Situation falsch eingeschätzt, nicht nur Sarah Wagenknecht. Aber sie ist, ebenso wie Alice Schwarzer, ein leichtes, beliebtes Opfer mieser Kritik, wie wir in der Debatte um die Forderung nach sofortigen Verhandlungen zur Beendigung des Krieges feststellen mussten.

In einer Talkshow steigen die Gäste in den Ring und sollen sich profilieren, eine gute Figur machen. Das geht eigentlich am besten, wenn sie ihre Überlegenheit auf Kosten der anderen Gäste zur Schau stellen. Ich bin sicher, Markus Söder würde sich bei Anne Will auch zum Thema Energiewende überragend verkaufen, obwohl er ein Bundesland regiert, das seit Jahren den Übergang zu erneuerbaren Energien mit allen erdenklichen Mitteln systematisch blockiert. Es geht nicht primär um Inhalte, also darum, uns Zuschauer möglichst genau und nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren, sondern darum, eine gute Show, wie der Name sagt, zu liefern. Damit ist zwar der Unterhaltung gedient – Söder kann in der Tat unterhaltsam sein – aber die Informationsaufgabe der Öffentlich-Rechtlichen bleibt auf der Strecke.