SCHÜLERPROTESTE IN FRANKREICH

Die Nachrichten aus Frankreich sind alarmierend: Die Schüler blockieren den Zugang zu den Schulen, sie organisieren Proteste, sie demonstrieren auf der Straße, Barrikaden werden gebaut, offizielle Gebäude brennen, Läden werden demoliert und geplündert, zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei haben hunderte Verletzte, teils schwerverletzt, auf beiden Seiten gefordert. Die Polizei geht teilweise mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Demonstranten vor und verletzt einige Jugendliche schwer. Einige Demonstranten gehen ebenfalls mit großer Härte vor: Sie werfen Steine und Gegenstände auf Polizisten, setzen Gebäude in Brand, in denen sich Menschen befinden, plündern Geschäfte auch während der Öffnungszeiten und verprügeln das Personal …

Es fing mit einem friedlichen Protest gegen diverse Missstände im französischen Bildungssystem an, die angeprangert werden. Hier die wesentlichen Punkte:

Lehrkräftemangel: An vielen Schulen fallen Unterrichtsstunden aus, weil Lehrkräfte fehlen.

Überfüllte Klassen: Die Jugendlichen fordern bessere Lernbedingungen und mehr individuelle Betreuung.

Marode Schulgebäude: Einige Schulen befinden sich in einem schlechten baulichen Zustand.

Soziale Ungleichheit: Viele Jugendliche haben den Eindruck, dass ihre Bildungschancen stark von ihrer sozialen Herkunft abhängen.

Kritik am Hochschulzugang: Die Zulassungsplattform Parcoursup, über die Bewerbungen für zahlreiche Studiengänge laufen, steht ebenfalls in der Kritik. Schülerinnen und Schüler befürchten, dass das Verfahren soziale Unterschiede verstärkt.

Die Bewegung richtet sich also nicht nur gegen einzelne Missstände. Viele Jugendliche stellen grundsätzlich die Frage, wie viel Geld und politische Aufmerksamkeit der Staat für Bildung aufwendet.

Parcoursup, die Plattform, die den Zugang zum Studium bzw. zur Ausbildung verwaltet, steht stark in der Kritik. Um die Dimension des Verwaltungsaufwands besser einzuordnen, ist es wichtig, einige Zahlen zu kennen: Etwa 79 % eines Jahrgangs erlangen das Baccalauréat. Das sind zurzeit knapp 700 000 Schüler. Sie dürfen für bis zu zehn Studienplätze kandidieren; außerdem dürfen sie auf Parcoursup zehn weitere „voeux“ (Wünsche) bezüglich einer Ausbildung äußern.

Die französische Führung hat bereits in den Siebzigerjahren die politische Entscheidung getroffen, möglichst viele Abiturienten zu produzieren, und das Ziel von 80 % eines Jahrgangs angestrebt. Das ist einmalig in Europa; in Deutschland, Österreich oder der Schweiz sind es ungefähr 45 %. Die Lehrpläne wurden – so die pädagogischen Kritiker – sogar nach unten korrigiert, um die Quote zu erreichen. Das erklärt, zumindest teilweise, die hohe Abbruchquote der Studierenden (ca. ein Drittel in den ersten zwei Jahren). Mit dem Streben nach einer hohen Anzahl von bacheliers (Abiturienten) wollte die Regierung offenbar die Fortsetzung der Wohlstandsentwicklung der Fünfziger- und Sechzigerjahre erzwingen. Die Maxime lautet: „Unsere Kinder sollen es besser haben als wir“ – eine Überzeugung, die an das neoliberale Motto „Wohlstand durch Wachstum“ angelehnt ist. Verstärkt wurde die Tendenz durch den Umstand, dass die Mehrheit der Jugendlichen einen „sauberen“ achtstündigen Bürojob anstrebte und handwerkliche Berufe als minderwertig ansah. Keiner wollte sich die Hände schmutzig machen – zumal es genug Migranten für solche Jobs gab. Die Konsequenzen sind übrigens heute deutlich zu spüren: Besonders in anonymen Großstädten sind Handwerker jeder Couleur extrem schwer zu finden. Bedauerlicherweise wurden die strukturellen Voraussetzungen (Anzahl der Lehrkräfte, der Schulen und der Studienplätze) nicht ausreichend an die ambitionierte Bedarfszunahme angepasst.

Auf dem ersten Blick entsteht trotzdem der Eindruck, dass das Bildungssystem den Schülern und Studenten alle Türen offenhält und ihnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und unzählige Erfolgschancen in Aussicht stellt – zwanzig Wünsche dürfen bei Parcoursup geäußert werden! –, wenn sie das Bac erreichen. Das stimmt aber nur theoretisch. Für so hohe Studentenzahlen gibt es weder ausreichend Studienplätze noch genügend Jobs für akademische Berufsanfänger nach absolviertem Studium. Das Versprechen wird nicht eingehalten, der Frust der Schüler und der Eltern ist programmiert, der Erfolgsdruck gewaltig.

Die ungünstige strukturelle Ausgangslage wurde noch dadurch verschlimmert, dass die Regierungen der letzten Jahrzehnte den Bildungsbereich finanziell sträflich vernachlässigt haben. Das chronische Defizit des Staatshaushalts ist sicherlich mitverantwortlich dafür, dass die Schulen nicht gleich behandelt wurden. Wenn das Geld knapp ist, werden die besseren Viertel, in denen besser gestellte Bürger leben, zuerst bedient – und die Banlieues, die es nötiger hätten, haben das Nachsehen: Die Ungleichheit nimmt zu.

Kein Wunder also, dass viele Schüler, Studenten und Lehrer diese Situation ändern möchten und auf die Straße gehen, um zu protestieren. Gegen die Proteste, die friedlich und relativ harmlos begannen – auch wenn sie nicht angemeldet waren –, ging die Polizei von Anfang an massiv, teils extrem brutal, mit Tränengas und Gummigeschossen vor; es gab Schwerverletzte. Inzwischen hat sich die Protestwelle großflächig ausgebreitet: In allen größeren französischen Städten finden Demonstrationen statt, vereinzelt auch im europäischen Ausland. LFI (La France insoumise, die Partei von J.-L. Mélenchon) unterstützte die Proteste von Anfang an, ohne die Führung zu übernehmen. Bezüglich der Organisation stellen wir eine gewisse Ähnlichkeit mit den „Gilets jaunes“ fest: keine Führung, keine erkennbare Struktur, keine Verantwortlichen, kein Entscheidungsgremium. Viele Absprachen finden in den sozialen Medien statt. Diese Bedingungen bieten für eine kleine, organisierte, militante Minderheit und deren gelegentliche Mitläufer ideale Voraussetzungen, sich auszutoben: Polizisten verprügeln, wo sie gerade schlecht vorbereitet sind; Läden und Autos am Rande einer Massendemo demolieren; Gebäude attackieren oder gar anzünden (wie in Limoges) und so weiter und so fort.

Leider gehen die berechtigten Forderungen der Demonstranten in der Öffentlichkeit unter; die mediale Berichterstattung konzentriert sich zu oft auf die schockierenden Bilder des Chaos, der Gewalt und der Zerstörung.

Präsident Macron erklärt sich nun bereit, Schülervertreterinnen und Schülervertreter zu empfangen. Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein. Aber eines ist sicher: Die zu Recht kritisierten Missstände werden nicht kurzfristig beseitigt werden können.