BUCHKRITIK OLE NYOMEN

Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, von Ole Nymoen

Der Zweite Weltkrieg, von Deutschland unter Führung der Nationalsozialisten entfacht, hat tiefe Wunden hinterlassen. Sie sind heute noch deutlich spürbar. Die Auseinandersetzung um die Wiederbewaffnung, die Diskussion um die Kriegsdienstverweigerung und ihre weitverbreitete Praxis, die teilweise heftige Kritik an der Intervention der Bundeswehr im Balkankrieg zeigen deutlich, dass die Haltung der Deutschen zum Thema bewaffnete Verteidigung extrem umstritten ist. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Diskussion ausgerechnet jetzt, da kriegerische Auseinandersetzungen quasi vor der Tür stattfinden, in besonderer Schärfe wieder aufflammt. Es ist auch vollkommen richtig, dass junge Menschen, die von einer neu eingeführten Wehrpflicht betroffen wären, sich unüberhörbar zu Wort melden. Eine Wehrpflicht bedeutet nicht nur einen schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre, sie setzt einen Konsens in der Bevölkerung voraus. Einigkeit sollte darüber herrschen, dass das Land im Ernstfall verteidigt werden soll – und zwar von allen jungen Männern (und Frauen?), die deutscher Nationalität sind. Von einem solchen Konsens ist Deutschland zurzeit weit entfernt. Ob die Mehrheit der Bevölkerung die kriegerische Entwicklung in Europa und die gegenwärtige Zuspitzung in der NATO-Frage als akute Bedrohung empfindet, wurde noch nicht wirklich breit diskutiert. Die momentane Situation bringt viele Grundsätze zum Wanken und erfordert in der Tat neue Überlegungen und gedankliche Umgewöhnung.

2014 hat uns Putins Russland aus dem Friedensschlaf wachgerüttelt

Unabhängig von einer Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland stellt sich für einige die Frage, wer überhaupt bereit wäre, sein Land zu verteidigen. Ole Nymoen erklärt uns ausführlich in seinem Buch, warum er es auf keinen Fall tun würde und nicht möchte, dass Deutschland kriegstüchtig wird, wie es Verteidigungsminister Boris Pistorius verlangt. Er beruft sich teilweise auf schreckliche Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und literarische Werke zum selben Thema. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist sich darüber einig: Kriege sind furchtbar, grausam, brutal, barbarisch – die schlimmste Erfindung der Menschheit. Sie verursachen dramatische Zerstörung, menschliche Tragödien, die Menschen ein Leben lang verfolgen können. Keiner will den Krieg, vor allem will keiner freiwillig in den Krieg ziehen. In Europa hat sich in den letzten Jahrzehnten die Meinung verbreitet, dass wir militärisch nicht bedroht werden, Auseinandersetzungen werden wirtschaftlich ausgetragen, Konflikte diplomatisch gelöst. Der Balkankrieg war nur ein kleiner Schandfleck, geografisch sehr beschränkt. Er hat für die meisten eher das Ende des Kalten Krieges besiegelt: Die „Friedensdividende“ war fällig.

2014 hat uns Putins Russland aus dem Friedensschlaf wachgerüttelt, 2022 haben die meisten Europäer erkannt, dass in Europa tatsächlich täglich Krieg wütet.
Müssen wir, sollen wir, können wir unser Land verteidigen? Ole Nymoen ist dazu nicht bereit – unter keinen Umständen. Interessanterweise beruft er sich bei dieser entschlossenen Verweigerung nicht auf den – ziemlich weit verbreiteten – Pazifismus. Nein! Es geht ihm um den Kapitalismus, die Ausbeutung, die Ungleichheit, die Verlogenheit und die Heuchelei der politischen Führung, die uns die aktuelle Rom des Kapitalismus für ein gerechtes, demokratisches Staatssystem verkaufen will. Unsere Gesellschaft sei weder gerecht noch demokratisch, meint er. Ein radikaler Systemgegner zieht nicht für einen kapitalistischen Staat in den Krieg.

Die überwiegende Mehrzahl der weltweit größten Opfer der Ungleichheit und der Klimakrise kommt in seinem Buch schlicht nicht vor

Ole Nymoen ist mit dem aktuellen Zustand unserer Gesellschaft überhaupt nicht zufrieden. Er formuliert eine grundlegende Kritik, insbesondere bezüglich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie – Werte, die vorgetäuscht werden, aber nicht real erfüllt und/oder gewährleistet sind. Bemerkenswert ist dabei, dass er sich sowohl theoretisch als auch praktisch ausschließlich auf die westliche, reiche Welt bezieht. Die überwiegende Mehrzahl der weltweit größten Opfer der Ungleichheit und der Klimakrise kommt in seinem Buch schlicht nicht vor.

Auffällig ist ebenfalls, dass fast ausschließlich destruktive Kritik und negative Gedanken geäußert werden. Anscheinend war es dem Autor nicht ganz wohl dabei – er hat seinem Pamphlet zwei Alibi-Seiten angehängt, die zu erklären versuchen, welche Art von Gesellschaft er sich wünscht. Die dargestellten Vorstellungen sind recht vage, sehr allgemein, wenig konkret gehalten. Unser Autor scheint genau zu wissen, welche Welt er nicht will; seine Fantasie reicht scheinbar nicht aus, um eine wünschenswerte Welt zu beschreiben. Schade eigentlich. Es ist ein Leichtes, Verhältnisse zu kritisieren, Fehler auszumachen, Ungerechtigkeiten anzuprangern, die verlogene Sozialpolitik anzuzeigen, korrupte Politiker zu verdammen, eine Gesellschaft zu verurteilen, die Reiche immer reicher macht, eine Demokratie zu missbilligen, die in Wahrheit gar nicht demokratisch ist, eine Volkswirtschaft abzulehnen, die auf Gewinn- und Profitmaximierung abzielt, ohne das Gemeinwohl der Menschen zu berücksichtigen, ein Finanzsystem begraben zu wollen, das absurde Werte und Vermögen schafft, die jeglichen Bezug zur ökonomischen Realität vermissen lassen. Diese Art Kritik ist nötig und wichtig. Nur: Wer bei der Kritik, so radikal und berechtigt sie sein mag, stehen bleibt, wird die (real existierenden) Verhältnisse nicht ändern, geschweige denn beseitigen.

Der Kapitalismus in seiner aktuellen Erscheinung – die neoliberale Ökonomie mit der Gewinnmaximierung als Haupttriebfeder – ist sehr stark. Obwohl er weltweit extrem wenige „Gewinner“ hervorbringt, hält die überwiegende Mehrheit der Menschen, die überhaupt wählen können, daran fest, obwohl es durchaus für sie bessere Wirtschaftsmodelle gäbe.
Was tun?

Das große Vorhaben, ein alternatives Gesellschaftsmodell oder gar eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell zu schaffen, ist gescheitert

Als ich 1978 in die Bundesrepublik kam, mein frisches Betriebswirtschaftsdiplom in der Tasche, war ich fest entschlossen, nichts zur Profitmaximierung der Reichen beizutragen. Es war die Blütezeit der „Alternativbewegung“: Wohngemeinschaften in allen möglichen Variationen, Arbeitskollektive, Verbrauchergemeinschaften, Netzwerke wurden gegründet und geführt, um der bürgerlichen und kapitalistischen Lebens- und Arbeitsweise etwas Neues entgegenzusetzen. Von außen oder oberflächlich betrachtet dachten viele, dass sich die Beteiligten vor allem ein „leichtes“ Leben machen wollten – möglichst nicht viel arbeiten, freie Beziehungen führen, verbotene Drogen konsumieren… Klischees verbreiten sich rasend schnell. Aber wie immer verbirgt sich ein bisschen Wahrheit hinter den Klischees. Ich habe zwanzig Jahre in verschiedenen WGs gelebt, 13 Jahre in einem Druckkollektiv gearbeitet und kann von anderen Erfahrungen berichten: Von Solidarität, Mut, Experimentierfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Arbeitsfreude, Begeisterungsfähigkeit, Verbindlichkeit, tiefer Freundschaft, aber auch von Frust, Enttäuschung und Trauer. Das große Vorhaben, ein alternatives Gesellschaftsmodell oder gar eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell zu schaffen, ist gescheitert – was irgendwie zu erwarten war. Wichtiger als das „Endergebnis“, also ein anderes Wirtschaftsmodell zu erreichen, war letztendlich der Prozess: einen Versuch zu wagen, der ewigen Ohnmacht vor einem übermächtigen Gegner ein Ende zu setzen, indem wir Dinge ausprobiert, uns Gedanken gemacht und schlicht eine Praxis entwickelt haben, die den Umgang sowohl mit menschlichen als auch mit ökonomischen „Ressourcen“ teilweise radikal verändert hat. Dabei hatten Gemeinwohl und gemeinschaftliche Interessen einen sehr hohen Stellenwert – sie waren oft die eindeutige Priorität, was natürlicherweise zulasten persönlicher Interessen ging. Von einem gewissen Teil der Linken (die damals versuchten, in den Betrieben zu agitieren) kam der Vorwurf, „wir würden in den Arbeitskollektiven Selbstausbeutung“ praktizieren. Aus deren Sicht stimmte es sogar: Wir taten viel mehr, als dem Betrieb nur unsere Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen – wir versuchten, der Arbeit einen anderen Sinn zu geben und die Gesellschaftsordnung zu beeinflussen. Unsere Unternehmen (Buchläden, Tischlereien, Druckereien, Kinderläden, Kneipen, Kinos …) sollten und wollten in der Gesellschaft eine erweiterte Rolle bekommen, sich zum Beispiel als politisch handelnde Gruppen artikulieren und gehört werden.
Das „Private“ – Eigeninteresse – war nicht besonders hoch im Kurs und wurde gern von der (Wohn-, Polit- oder Arbeits-) Gruppe verschmäht.

Kurioserweise schafft das Internet, das die Menschen ursprünglich näher zusammenbringen sollte, genau das Gegenteil

Inzwischen nehmen die persönlichen Interessen der Konsumentinnen der westlichen Welt – oder was sie dafür halten – solche Ausmaße an, dass einem bange werden kann. Computer-, Smartphone- und Tablet-Benutzerinnen werden ständig massiv aufgefordert, Individualität, Einzigartigkeit und Selbstoptimierung zu fördern. Dass sie dabei in erster Linie den Interessen der Anbieter der genutzten „Dienste“ im Web dienen, ist ihnen gleichgültig oder bleibt den meisten verborgen. Du bist toll. Du kannst mehr. Du leistest Großartiges. Dabei kommen zahlreiche Apps zur Anwendung – selbstverständlich exklusiv für Dich. Kurioserweise schafft das Internet, das die Menschen ursprünglich näher zusammenbringen sollte, genau das Gegenteil: unzählige Konsumenten, die auf einen Bildschirm starren und ihre eigene Lage verbessern wollen. Allein. Es gibt zwar zahlreiche Communities, Menschen, die Interessen teilen – aber jeder beschäftigt sich in der realen Welt mit seinem Gerät. Es werden kaum gemeinsame Aktionen unternommen, und vor allem sprechen die diversen Communities selten miteinander. Eine atomisierte Welt!

Kein Wunder, dass das Gemeinwohl, der Sinn einer großen Gemeinschaft – ob Gemeinde, Stadt, Land, Staat oder Welt – durch diese Praxis leicht in den Hintergrund tritt. Die Einzelnen werden dazu animiert, zu den (wenigen) Gewinnern zu gehören – oder zumindest sollen sie glauben, dass sie zu den „Winners“ gehören.

Ich denke, es würde der Gesellschaft und den Menschen guttun, wenn alle – Frauen wie Männer – ein Jahr im Dienst der Gemeinschaft absolvieren würden. Ob sie im sozialen, medizinischen, im Rettungs- oder im militärischen Bereich (im weitesten Sinne – Militär bedeutet nicht gleich, ein Gewehr in die Hand zu nehmen) aktiv sind, ist ziemlich unwichtig und kann nach persönlichen Vorlieben gewählt werden.

(Ich habe übrigens von August 1974 bis August 1975 den „Service national“ in der französischen Armée als Wehpflichtiger absolviert.)